Freitag, 17. März 2017

Kindheit von Gewalt- und Straftätern. Wann endlich werden diese Daten von der Gesellschaft ernst genommen?


(Dieser Text wird zukünftig von mir aktualisiert, sofern ich weitere Studien und auch die Zeit finde, sie auszuwerten. Hinweise auf die Aktualisierung mache ich dann jeweils im Kommentarbereich.)


Ich habe in diesem Blog bisher vor allem die Kindheiten von politischen Gewalttätern (Diktatoren wie Stalin, Hitler, Mao etc., Terroristen und Extremisten behandelt.) oder die Kindheiten der Gesamtbevölkerung in (aktuellen oder ehemaligen) Bürgerkriegs-, Kriegs- und Krisenländern analysiert.  Bzgl. allgemeinen Straftätern der Kategorie "Sexualstraftäter" habe ich hier bereits zwei eindrucksvolle Studien (!) besprochen oder bzgl. Mördern/Serienmördern die Arbeiten von Jonathan H. Pincus, James Gilligan und Stephan Harbort besprochen. Ergänzend habe ich einige Fallbeispiele für die grausame Kindheit von grausamen Mördern zusammengefasst oder in Diagrammen aufgezeigt, wie auch innerhalb eines einzigen Belastungsfaktors (KFN Studie - in diesem Fall nur körperliche Gewalt) verschiedene gesteigerte Schwere- und Häufigkeitsgrade von körperlicher Gewalt die Wahrscheinlichkeit für Gewalttäterschaft stets erhöhen.

In diesem Text möchte ich jetzt mehrere Studien besprechen, die die Kindheit von Straftätern und Straftäterinnen untersucht und eindrucksvolle Ergebnisse hervorgebracht haben. Ich halte es für diesen Rahmen hier und auch für die Chance auf ein Bewusstsein für den massiv destruktiven Einfluss von destruktiven Kindheitserfahrungen für notwendig, solche Studien ausführlich darzustellen (genauso wie ich es hier im Blog stets für notwendig halte, die Kindheit von einzelnen Diktatoren und Massenmördern sehr ausführlich zu schildern, weil nur dann ein "Verstehen" - ohne gleichzeitig zu entschuldigen - möglich ist). Insofern werde ich die Zahlen und Ergebnisse relativ breit darstellen.

Die unten aufgezeigten Ergebnisse sind ´bzgl. ihrer Aussagen nicht neu für mich, da ich immer wieder hier und da etwas über die Kindheiten von Straftätern gelesen habe. Auf eine Art hat mich diese komprimierte Arbeit an diesem Beitrag aber auch etwas wütend gemacht. Denn: Die Ergebnisse sind derart eindeutig, dass ich der Meinung bin, dass alle "Expertenrunden" zum Thema Mörder/(Gewalt-)Straftäter, entsprechende Mediendiskussionen und Präventionsprogramme immer über Kindheitshintergründe von Tätern und Täterinnen sprechen müssen (was sie leider nach meiner Wahrnehmung vor allem in den Medien oft nicht tun). Wenn sie dies nicht tun, arbeiten sie letztlich unsauber/uninformiert oder stellen sich blind.

Bzgl. politisch gefärbter Gewalttaten wie aktuell islamistischem Terror sind die nachfolgenden Ergebnisse übrigens insofern interessant, weil nachweislich viele europäische junge Männer, die außerhalb Europas in den "heiligen Krieg" zogen, vorher in Europa eine kriminelle Karriere gemacht haben und sich nun durch die Hinwendung zum Dschihad "reingewaschen" fühlen. Für diese jungen Männer gelten ganz sicher ähnliche Kindheitshintergründe, wie für die allgemeinen Straftäter auch.

Hier nun die Studien:


Für die US-amerikanische Studie Reavis, J. A., Looman J., Franco, K. A., Rojas B. (2013). Adverse Childhood Experiences and Adult Criminality: How Long Must We Live before We Possess Our Own Lives?. The Permanente Journal, Spring 2013, Vol. 7, No. 2, S. 44-48. wurden 151 Straftäter (eingeteilt in Kindesmissbraucher, häusliche Gewalttäter, Sexualtäter, Stalker) zu diversen belastenden Kindheitserfahrungen (ACE`s) befragt und die Ergebnisse mit einer allgemeinen Stichprobe der Bevölkerung mit 7.970 Befragten verglichen.

Keinen einzigen ACE Punkt gaben 9,3 % der Straftäter an, dagegen 38 % der Durchschnittsbevölkerung. 48,3 % der Straftäter gaben mehr als 4 ACE Punkte an, dagegen 12,5 % der Durchschnittsbevölkerung. Ein ergänzender Blick in die Details macht die Zusammenhänge offensichtlich:

(jeweils links die Prozentangaben bzgl. belastenden Kindheitserfahrungen für die Straftäter (ST) und rechts die der Durchschnittsbevölkerung (DB) )
  • Psychische Misshandlungen erlebten 52,3 % der Straftäter (ST) und 7,6 % der Durchschnittsbevölkerung (DB)
  • Körperliche Misshandlungen: 41,1 % (ST) und 29,9 % (DB)
  • Sexueller Missbrauch: 27,2 % (ST) und 16 % (DB)
  • Emotionale Vernachlässigung: 50,3 % (ST) und 12,4 % (DB)
  • Körperliche Vernachlässigung: 21,9 % (ST) und 10,7 % (DB)
  • Suchtmittel Gebrauch im Haushalt: 47,7 % (ST) und 23,8 % (DB)
  • Psychische Krankheit mind. eines Familienmitgliedes: 25,8 % (ST) und 14,8 % (DB)
  • Speziell mütterliche körperliche Misshandlungen: 27,8 % (ST) und 11,5 % (DB)
  • kriminelles Verhalten eines Familienmitgliedes: 20,5 % (ST) und 4,1 % (DB)
  • Scheidung der Eltern: 53,6 % (ST) und 21,8 % (DB)
Was übrigens in der Studie fehlt ist u.a. die Frage nach miterlebter Gewalt (Eltern untereinander oder gegen Geschwister) und die Frage nach Heim- oder Pflegefamilienaufenthalten, was ganz wesentliche Punkte sind.  Interessant fand ich persönlich noch, dass die Sexualstraftäter auch die verglichen mit den anderen Straftätertypen höhere Betroffenheit von sexuellem Missbrauch aufwiesen (Kindesmissbraucher: 28,6 % und Sexualstraftäter allgemein: 39,3 %). Die Stalker – welche ja vor allem auch psychische Gewalt und/oder die Drohung mit körperlicher Gewalt als Straftat anwenden - wiesen ihrerseits die – verglichen mit den anderen Tätern - höchsten Raten von psychischer Misshandlung in der eigenen Kindheit auf (70%), ergänzend aber auch hohe Raten von körperlichen Misshandlungserfahrungen (50 %).

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Ein direkter Vergleich der Kindheitsbelastungen von Straftäterinnen mit den Kindheitsbelastungen von Frauen aus der Allgemeinbevölkerung wurde auch in folgender deutschen Studie unternommen: 

Schröttle, M. & Müller, U. (2004): III. Teilpopulationserhebung bei Inhaftierten. „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

88 inhaftierte Frauen (über 16 Jahre alt) wurden befragt und mit einer repräsentativen Stichprobe der allgemeinen deutschen Frauenbevölkerung verglichen.

Von den inhaftierten Frauen wurden in ihrer Kindheit und Jugend…

- 25% häufig oder gelegentlich von den Erziehungspersonen lächerlich gemacht oder gedemütigt (8% bei den allgemein Befragten der Hauptuntersuchung),

- 51% häufig oder gelegentlich so behandelt, dass es seelisch verletzend war (10% bei den Befragten der Hauptuntersuchung),

- 38% häufig oder gelegentlich niedergebrüllt (11% bei den Befragten der Hauptuntersuchung),

- 35% häufig oder gelegentlich leicht geohrfeigt (17% bei den Befragten der Hauptuntersuchung),

- 33% bekamen häufig oder gelegentlich schallende Ohrfeigen mit sichtbaren Striemen (6% bei den Befragten der Hauptuntersuchung),

- 23% bekamen häufig oder gelegentlich einen strafenden Klaps auf den Po (20% bei den Befragten der Hauptuntersuchung),

- 25% wurde häufig oder gelegentlich mit der Hand kräftig der Po versohlt (10% bei den Befragten der Hauptuntersuchung),

- 17% häufig oder gelegentlich mit einem Gegenstand auf den Finger geschlagen (3% bei den Befragten der Hauptuntersuchung),

- 24% häufig oder gelegentlich mit einem Gegenstand kräftig auf den Po geschlagen (6% bei den Befragten der Hauptuntersuchung),

- 35% bekamen häufig oder gelegentlich heftige Prügel (5% bei den Befragten der Hauptuntersuchung).

- 31% wurden in ihrer Kindheit und Jugend durch eine erwachsene Person sexuell berührt oder an intimen Körperstellen angefasst (Hauptuntersuchung 8%),

- 22% wurden gezwungen, die erwachsene Person an intimen Körperstellen zu berühren (Hauptuntersuchung 3%),

- 9% wurden gezwungen, sich selbst an intimen Körperstellen zu berühren (Hauptuntersuchung 1%),

- 28% wurden zum Geschlechtsverkehr gezwungen (Hauptuntersuchung 2%),

- 22% wurden zu anderen sexuellen Handlungen gedrängt oder gezwungen (Hauptuntersuchung 2%).
(ebd., S. 50+51)

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Sehr aufschlussreich ist auch eine deutsche Studie, für die 76 inhaftierte Männer und 63 inhaftierte Frauen befragt wurden:

Driessen, M. / Schroeder, T. / Widmann, B/  von Schönfeld, C.-E. & Schneider. F. (2006). Childhood trauma, psychiatric disorders, and criminal behavior in prisoners in Germany: a comparative study in incarcerated women and men. Journal of Clinical Psychiatry. 67(10), S. 1486-1492.

Bzgl. dieser Studie muss ich darauf hinweisen, dass die Straftaten sehr unterschiedlich waren. Wegen Mord waren 10,8 %, wegen Sexualdelikten 3,6 % und wegen Körperverletzung 8,6 % der Befragten verurteilt. Delikte der weiteren Befragten waren u.a. Diebstahl, Raub, Betrug, Fälschung von Dokumenten, Drogendelikte und Straßenverkehrsdelikte. Leider wurden in der Studie nicht die Täter von besonders schwere Gewaltdelikten und die Täter von z.B. rein Eigentumsdelikten miteinander bzgl. der Misshandlungsformen und auch schwere der Formen verglichen. Ich vermute, dass die Gewalttäter auch die verglichen heftigsten Misshandlungsformen erlebten.

Für die Befragung wurde der sogenannte „Childhood Trauma Questionnaire“ (CTQ) verwendet. Dieser kam auch bei einer Repräsentativbefragung der deutschen Bevölkerung zum Einsatz. (Häuser, Winfried; Schmutzer, Gabriele; Brähler, Elmar; Glaesmer, Heide (2011).  Misshandlungen in Kindheit und Jugend: Ergebnisse einer Umfrage in einer repräsentativen Stichprobe der deutschen Bevölkerung. Deutsches Ärzteblatt, Jahrgang 108, Heft 17) Die Ergebnisse der beiden Studien sind insofern direkt miteinander vergleichbar. Siehe entsprechend die folgenden Ergebnisse:

- Emotionale Misshandlungen erlebten 50 % der inhaftierten Männer und 58,7 % der Frauen (dagegen 15,2 % der deutschen Allgemeinbevölkerung)

- Körperliche Misshandlungen erlebten 50 % der inhaftierten Männer und 47,6 % der Frauen (dagegen 12,2 % der deutschen Allgemeinbevölkerung)

- Sexuellen Missbrauch erlebten 15,8 % der inhaftierten Männer und 31,7 % der Frauen (dagegen 12,7 % der deutschen Allgemeinbevölkerung)

- Emotionale Vernachlässigung erlebten 76,3 % der inhaftierten Männer und 61,9 % der Frauen (dagegen 49,7 % der deutschen Allgemeinbevölkerung)

- Körperliche Vernachlässigung erlebten 43,4 % der inhaftierten Männer und 36,5 % der Frauen (dagegen 48,6 % der deutschen Allgemeinbevölkerung)

Im Fragebogen „Childhood Trauma Questionnaire“ wird bzgl. den Misshandlungen unterschieden zwischen gering/mäßig, mäßig/schwer und schwer/extrem. Auffällig ist, dass die Tendenz bei den Strafgefangenen eindeutig in Richtung schwerer Misshandlungsformen geht. Mäßig/schwere oder schwere/extreme Misshandlungen in mindestens einer o.g. Kategorie erlebten 50,4 % aller befragten Strafgefangenen (Männer und Frauen). (Driessen et al. 2006, S. 1488+1489)

Die schweren/extremen Formen möchte ich beispielhaft anführen. Es lohnt dabei ebenfalls ein Vergleich mit der Allgemeinbevölkerung.

- Schwere/extreme Emotionale Misshandlungen erlebten 21,1 % der inhaftierten Männer und 27 % der Frauen (dagegen 1,6 % der deutschen Allgemeinbevölkerung)

- Schwere/extreme Körperliche Misshandlungen erlebten 23,7 % der inhaftierten Männer und 25,4 % der Frauen (dagegen 2,7 % der deutschen Allgemeinbevölkerung)

- Schweren/extremen Sexuellen Missbrauch erlebten 2,6 % der inhaftierten Männer und 17,5 % der Frauen (dagegen 1,9 % der deutschen Allgemeinbevölkerung)

- Schwere/extreme Emotionale Vernachlässigung erlebten 38,2 % der inhaftierten Männer und 27 % der Frauen (dagegen 6,5 % der deutschen Allgemeinbevölkerung)

- Schwere/extreme Körperliche Vernachlässigung erlebten 5,3 % der inhaftierten Männer und 4,8 % der Frauen (dagegen 10,8 % der deutschen Allgemeinbevölkerung)

Hinweis: Einzig bzgl. der körperlichen Vernachlässigung liegen die Werte der Strafgefangenen unter denen der Allgemeinbevölkerung. Das liegt sehr wahrscheinlich daran, dass die befragten Strafgefangenen im Schnitt 34 Jahre alt waren, während bei der Befragung der Allgemeinbevölkerung das Durchschnittalter 50,6 war und bei letzterer Studie insofern viele Menschen der Kriegs-/Nachkriegsgeneration mit erfasst wurden, die materiell/körperlich schlecht versorgt werden konnten.

- Ergänzend wurde in der Studie festgestellt, dass 86,3 % der Inhaftierten mindestens einmal in ihrem Leben an einer psychischen Störung litten. 83,5 % waren akut (innerhalb der letzten 6 Monate vor der Befragung) psychisch erkrankt.

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In den USA (Kalifornien) wurden 500 Straftäterinnen befragt, die sich in einem Resozialisierungsprogramm von fünf verschiedenen Gefängnissen befanden:

Messina, N. & Grella, C. (2006). Childhood Trauma and Women’s Health Outcomes in a California Prison Population. American Journal of Public Health. Vol. 96, No. 10.

Die Studie arbeitete wie schon oben aufgezeigt mit sogenannten ACE Werten und verglich die Ergebnisse der Straftäterinnen mit den Werten der Allgemeinbevölkerung.

Ergebnisse:

- Keinen einzigen ACE Wert gaben 15,7 % der Straftäterinnen an, dagegen 31,3 % der weiblichen Befragten aus der Allgemeinbevölkerung

- Einen  ACE Wert gaben 16,7 % der Straftäterinnen an, dagegen 24,2 % der weiblichen Befragten aus der Allgemeinbevölkerung

- Zwei ACE Werte gaben 21,8 % der Straftäterinnen an, dagegen 14,8 % der weiblichen Befragten aus der Allgemeinbevölkerung

- Drei  ACE Werte gaben 14 % der Straftäterinnen an, dagegen 10,4 % der weiblichen Befragten aus der Allgemeinbevölkerung

- Vier  ACE Werte gaben 10,6 % der Straftäterinnen an, dagegen 6,8 % der weiblichen Befragten aus der Allgemeinbevölkerung

- Fünf oder mehr ACE Werte gaben 21,2 % der Straftäterinnen an, dagegen 12,5 % der weiblichen Befragten aus der Allgemeinbevölkerung

Details für belastende Kindheitserfahrungen:

- Emotionale Misshandlungen und Vernachlässigung erlebten 34,2 % der Straftäterinnen, dagegen 12,2 % der weiblichen Befragten aus der Allgemeinbevölkerung

- Körperliche Vernachlässigung erlebten 14,5 % der Straftäterinnen, dagegen 9,2 % der weiblichen Befragten aus der Allgemeinbevölkerung

- Körperliche Misshandlungen erlebten 30,6 % der Straftäterinnen, dagegen 25,1 % der weiblichen Befragten aus der Allgemeinbevölkerung

- Sexuellen Missbrauch erlebten 45,1 % der Straftäterinnen, dagegen 24,3 % der weiblichen Befragten aus der Allgemeinbevölkerung

- Häusliche Gewalt miterlebt haben 47,6 % der Straftäterinnen, dagegen 13,9 % der weiblichen Befragten aus der Allgemeinbevölkerung

- Trennung der Eltern erlebten 43,7 % der Straftäterinnen, dagegen 25,4 % der weiblichen Befragten aus der Allgemeinbevölkerung

- Inhaftierung eines Familienmitgliedes erlebten 33,8  % der Straftäterinnen, dagegen 6,9 % der weiblichen Befragten aus der Allgemeinbevölkerung

- Fremdunterbringung von zu Hause (Pflegefamilie oder Adoption) erlebten 19,9 % der Straftäterinnen, bzgl. der Allgemeinbevölkerung liegen keine Daten dazu vor.


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Für eine große Studie aus Großbritannien wurden Daten von 1.435 Strafgefangenen (die meisten Männer), die Haftstrafen zwischen einem Monat und vier Jahren zu verbüßen hatten (wobei die Mehrheit Haftstrafen unter 12 Monaten absaß) ausgewertet:

Williams, K. /  Papadopoulou, V. & Booth, N. (2012). Prisoners’ childhood and family Backgrounds. Results from the Surveying Prisoner Crime Reduction (SPCR) longitudinal cohort study of prisoners.  Ministry of Justice (UK), Research Series 4/12.

Leider ist mir nicht klar, welche Straftaten die Verurteilten begangen haben. Auf Grund der relativ kurzen Haftstrafen würde ich besonders schwere Gewaltverbrechen eher ausschließen. 

Ergebnisse:

- 24 % der Strafgegangen wurden eine Zeitlang als Kind fremduntergebracht (Heim, Pflegefamilie etc.)

- 7 % lebten als Kind immer oder die meiste Zeit in einer Pflegefamilie oder einer staatlichen Institution

- 29 % haben als Kind emotionale, körperliche und/oder sexuelle Misshandlungen erlebt (Vernachlässigung wurde offensichtlich nicht abgefragt)

- 41 % haben als Kind zu Hause Gewalt miterlebt

- 18 % haben ein Familienmitglied mit einem Alkoholproblem

- 14 % haben ein Familienmitglied mit einem Drogenproblem

- 27 % haben ein Familienmitglied mit einem Drogen- und/oder Alkoholproblem

- 37 % haben ein Familienmitglied, das auf Grund einer Straftat verurteilt wurde (von diesen 37 % wurden 84 % inhaftiert)

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Interessant finde ich – gerade mit Blick auf die gerade zuvor besprochene Studie –, dass bzgl. Straftätern, die besonders schwere Gewaltverbrechen begangen haben, deutlich höhere Raten bzgl. belastenden Kindheitserfahrungen festgestellt werden. Dies zeigten die Ergebnisse folgender Studie:

Craparo, G. / Schimmenti, A. & Caretti, V. (2013). Traumatic experiences in childhood and psychopathy: a study on a sample of violent offenders from Italy. European Journal of  Psychotraumatology. 4: 10.

22 Straftäter in Italien wurden befragt. 14 waren Mördern, 4 Vergewaltiger und 4 Kindesmissbraucher. Bei allen war eine antisoziale Persönlichkeitsstörung diagnostiziert worden.

Ergebnisse:

- 50 % wurden als Kind körperlich misshandelt

- 40,9 % wurden als Kind emotional misshandelt

- 68,2 % wurden als Kind emotional vernachlässigt

- 18,2 % wurden als Kind sexuell missbraucht

- 55,5 % erlebten mindestens zwei Formen der vorgenannten Misshandlungen

- 100 % berichteten zudem mindestens über ein traumatisches Ereignis in ihrem Leben.

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Der letzte Punkt ("100 % berichteten zudem mindestens über ein traumatisches Ereignis in ihrem Leben.") in der zuvor besprochenen Studie scheint ergänzend zu kindlichen Gewalterfahrungen häufig im Leben von Tätern zu sein. Insofern möchte ich folgende Hinweise an dieser Stelle anführen:

Eine Studie fand, dass von 64 befragten jugendlichen Straftätern 96,8 % mindestens ein traumatisches Erlebnis gemacht haben. (Carrion, V. G. & Steiner, H. (2000). Trauma and Dissociation in Delinquent Adolescents. Child & Adolescent Psychiatry, Vol. 39, Issue 3, S. 353-359.)

Eine große europaweite Studie (siehe unten) mit 1.055 befragten männlichen Strafgefangen (verurteilt wegen Mord, Raub, Sexualstraftaten, Körperverletzung, Eigentums- oder Drogendelikten, also eine sehr gemischte Gruppe) ergab, dass 88,2 % von mindestens einem traumatischen Erlebnis berichten, im Durschnitt erlebten die Strafgefangenen drei Arten von Traumatisierungen (Abgefragt wurden diverse traumatische Erfahrungen wie Kriegserfahrungen, Folter, Naturkatastrophen, lebensbedrohliche Erkrankung, schwere körperliche Angriffe u.ä.). Die AutorInnen der Studie betonen, dass der Anteil von traumatischen Erfahrungen bei den befragten Gefängnisinsassen sechs mal höher ist, als der in der Allgemeinbevölkerung und die Gefängnisinsassen sogar höhere Traumaraten aufweisen, als stationär aufgenommene Psychiatriepatienten.

Dudeck, M. /  Drenkhahn, K. / Spitzer, C. /  Barnow, S.  / Kopp, D.  / Kuwert, P. /  Freyberger, H. J. & Dünkel, F.  (2011). Traumatization and mental distress in long-term prisoners in EuropePunishment & Society 13 (4), S. 403-423. 

Die Studie zeigte auch folgendes:
- Bei 14 % konnte eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert werden
- 50 % waren auf Grund von psychischen Symptomen in Behandlung
- 29,7 % haben bereits versucht, sich umzubringen
- Ca. ein Drittel berichteten von selbstverletzendem Verhalten

Bzgl belastenden Kindheitserfahrungen ist die Studie leider nicht ergiebig. 39,4 % berichteten von einem schwere körperlichen Angriff durch ein Familienmitglied oder einem Bekannten (wobei nicht klar ist in welcher Lebensphase dies geschah und wer der Täter war), 5,4 % berichteten von einem sexuellen Angriff durch ein Familienmitglied und 5,7 % von einem sexuellen Angriff durch einen Fremden, 22,5 % hatten Sexualverkehr im Alter unter 18 Jahren mit einer mindestens 5 Jahre älteren Person.

Eine wissenschaftliche Arbeit aus Großbritannien hat Daten von verschiedenen Studien ausgewertet und die Ergebnisse bzgl. jungen Strafgefangenen und der Allgemeinbevölkerung verglichen:

Hughes, N. / Williams, H. /  Chitsabesan, P. /  Davies, R. &  Mounce, L. (2012). Nobody made the connection: The prevalence of neurodisability in young people who offend. Office of the Children’s Commissioner (UK).

(Links jeweils die Daten für die junge Allgemeinbevölkerung und recht die Daten für junge Strafgefangene)

- Lernbehinderung (learning disabilities):   2 - 4% (junge Allgemeinbevölkerung) / 23 - 32% (junge Strafgefangene)

- Legasthenie (Dyslexia):  10%  (junge Allgemeinbevölkerung) / 43 - 57% (junge Strafgefangene)

- Kommunikationsstörung (Communication disorders): 5 - 7% (junge Allgemeinbevölkerung) / 60 - 90% (junge Strafgefangene)

- ADHS (Attention deficit hyperactive disorder): 1.7 - 9% (junge Allgemeinbevölkerung) / 12% (junge Strafgefangene)

- Autismusspektrumstörung (Autistic spectrum disorder): 0.6 - 1.2% (junge Allgemeinbevölkerung) / 15% (junge Strafgefangene)

- Schädel-Hirn-Trauma (Traumatic brain injury): 24 - 31.6% (junge Allgemeinbevölkerung) / 65.1 - 72.1% (junge Strafgefangene)

- Epilepsie (Epilepsy): 0.45 - 1% (junge Allgemeinbevölkerung) / 0.7 - 0.8% (junge Strafgefangene)

- fetales Alkoholsyndrom (Foetal alcohol Syndrome): 0.1 - 5% (junge Allgemeinbevölkerung) / 10.9 - 11.7% (junge Strafgefangene)

Vor allem der letzte Punkt stellt eine Form von schwerer mütterlicher Misshandlung gegenüber dem ungeborenen Kind da! Bzgl. der anderen Störungen ist die Frage, ob diese nicht wiederum in einem starken ursächlichem Verhältnis zu kindlichen Gewalterfahrungen der Straftäter stehen, was ich persönlich vermute.

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Für eine Studie in New Mexico, USA, wurden 220 jugendliche (13-18 Jahre) inhaftierte Straftäter und Straftäterinnen befragt:

Cannon, Y. / Davis, G. / Hsi, A.  & Bochte, A.  (2016). Adverse Childhood Experiences in the New Mexico Juvenile  Justice Population. New Mexico Sentencing Commission.

Ergebnisse:

- 0,5 % der männlichen und 0 % der weiblichen Befragten hatten keinen einzigen ACE Punkt angegeben.

- 3,7 % der männlichen und 0 % der weiblichen Befragten gaben nur einen einzigen ACE Punkt an.

- 86 % aller Befragten (männlich und weiblich) haben 4 oder mehr ACE Punkte angegeben. Diese Werte übertreffen bei weitem Vergleichsdaten bzgl. der Allgemeinbevölkerung (12 – 15 % mit 4 oder mehr ACE Punkten), die ebenfalls in der Studie vorgestellt wurden.

Details für belastende Kindheitserfahrungen:

- 57 % der männlichen und 67 % der weiblichen Befragten wurden emotional misshandelt

- 49 % der männlichen und 70 % der weiblichen Befragten wurden körperlich misshandelt

- 21 % der männlichen und 63 % der weiblichen Befragten wurden sexuell missbraucht

- 74 % der männlichen und 90 % der weiblichen Befragten wurden emotional vernachlässigt

- 93 % der männlichen und 100 % der weiblichen Befragten wurden körperlich vernachlässigt

- 85 % der männlichen und 90 % der weiblichen Befragten erlebten, dass ihre Eltern sich trennten

- 55% der männlichen und 53 % der weiblichen Befragten erlebten häusliche Gewalt mit

- 81 % der männlichen und 77 % der weiblichen Befragten erlebten Suchtmittelmissbrauch in ihrer Familie

- 55 % der männlichen und 60 % der weiblichen Befragten erlebten, dass ein Familienmitglied inhaftiert wurde

Die psychische Situation der Jugendlichen ist entsprechend schwierig. Fast die Hälfte (47,7 %) der Befragten hat beispielsweise Depressionen, 19,1 % verletzen sich selbst, 13,6 % unternahmen als Kind einen Selbstmordversuch und 28,6 % leiden an einer posttraumatischen Belastungsstörung.

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Eine ähnliche Studie wurde ebenfalls in den USA in Florida mit 64.329 jugendlichen Straftätern und Straftäterinnen (unklar ist, welche Delikte die Jugendlichen begangen haben. Vermutlich sind bei einer solch großen Gruppe auch viele Straftäter dabei, die keine Gewaltdelikte begangen haben) durchgeführt:

Baglivio, M. T. /  Epps, N. /   Swartz, K. /  Sayedul Huq, M.  , Sheer A. , Hardt, N. S. (2014). The Prevalence of Adverse Childhood Experiences (ACE) in the Lives of Juvenile Offenders. Journal of Juvenile Justice. Vol. 3, Issue 2.

Ergebnisse:

- 2,8 % aller befragten StraftäterInnen gaben keinen einzigen ACE Punkt an (dagegen 36 % einer Vergleichsstudie zur Allgemeinbevölkerung)

- 90 % aller Befragten gaben mindesten 2 ACE Punkte an

- 73 % aller Befragten gaben 3 oder mehr ACE Punkte an

- 52 % aller Befragten gaben 4 oder mehr ACE Punkte an (dagegen 13 % einer Vergleichsstudie zur Allgemeinbevökerung)

- 32 % aller Befragte gaben 5 oder mehr ACE Punkte an

Details für belastende Kindheitserfahrungen:

- 31 % der männlichen und 39 % der weiblichen Befragten wurden emotional misshandelt

- 26 % der männlichen und 41 % der weiblichen Befragten wurden körperlich misshandelt

- 7 % der männlichen und 31 % der weiblichen Befragten wurden sexuell missbraucht

- 31 % der männlichen und 39 % der weiblichen Befragten wurden emotional vernachlässigt

- 12 % der männlichen und 18 % der weiblichen Befragten wurden körperlich vernachlässigt

- 78 % der männlichen und 84 % der weiblichen Befragten erlebten, dass ihre Eltern sich trennten

- 81% der männlichen und 84 % der weiblichen Befragten erlebten häusliche Gewalt mit

- 24 % der männlichen und 30 % der weiblichen Befragten erlebten Suchtmittelmissbrauch in ihrer Familie

- 65 % der männlichen und 68 % der weiblichen Befragten erlebten, dass ein Familienmitglied inhaftiert wurde

- 8 % der männlichen und 12 % der weiblichen Befragten erlebten, dass ein Familienmitglied psychisch krank war

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Ebenfalls in den USA wurden für eine Studie 740 Sexualstraftäter und -täterinnen befragt (93,5 % Männer und 6,5 % Frauen):

Levenson, J. S. (2016). The influence of childhood trauma on sexual violence and sexual deviance in adulthood. Traumatology, 22(2): 94-103.

Ergebnisse:

- 15,7 % gaben keinen einzigen ACE Punkt an

- 45,3 % gaben 4 oder mehr ACE Punkte an

Details für belastende Kindheitserfahrungen:

- 52 % der Befragten wurden emotional misshandelt

- 42 % der Befragten wurden körperlich misshandelt

- 38 % der Befragten wurden sexuell missbraucht

- 37 % der Befragten wurden emotional vernachlässigt

- 16 % der Befragten wurden körperlich vernachlässigt

- 24 % der Befragten erlebten häusliche Gewalt mit

- 46 % der Befragten erlebten Suchtmittelmissbrauch in ihrer Familie

- 23 % der Befragten erlebten, dass ein Familienmitglied inhaftiert wurde

- 26 % der Befragten erlebten, dass ein Familienmitglied psychisch krank war

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Für eine Studie aus Großbritannien wurden 200 inhaftierte GewalttäterInnen (die meisten männlich, wenige weiblich) befragt:

Boswell, G. (1997). The Backgrounds of Violent Young Offenders. The Present Picture. In: Varma, V. P. (Hrsg.). Violence in Children and Adolescents. S. 22-36. London: Jessica Kingsley Publishers.

Ergebnisse (ebd., S. 27):

- Emotionale Misshandlung erlebten 28,5 %

- Sexuellen Missbrauch erlebten 29 %

- Körperliche Misshandlungen erlebten 40 %

- organisierten oder rituellen Missbrauch erlebten 1,5 %

- Insgesamt erlebten 72 % eine oder mehrere der vorgenannten kindlichen Belastungsfaktoren

- 57 % erlebten als Kind einen Todesfall oder die Trennung von einer wichtigen Bezugsperson

- 49,5 % verloren als Kind den Kontakt zu einem Elternteil; von 10 % aller Befragten starb, als sie noch ein Kind waren, ein Elternteil

- Zusammenfassung: Insgesamt 91 % aller Befragten erlebte als Kind eine einschneidende Trennung von einer Bezugsperson und/oder mindestens eine Form von den o.g. Misshandlungen.

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Interessant ist auch eine Studie, für die 136.549 SchülerInnen in Minnesota (USA) bzgl. belastenden Kindheitserfahrungen und eigenem destruktivem Verhalten (Delinquenz, Mobbing, körperliche Gewalt, Gewalt gegen Partner „Dating Violence“, Tragen von Waffen, Selbstverletzungen, Selbstmordversuchen oder - -gedanken) befragt wurden:

Duke, N. N. / Pettingell, S. L. / McMorris, B. J. & Borowsky I. W. (2010). Adolescent Violence Perpetration: Associations With Multiple Types of Adverse Childhood Experiences. Pediatrics, VOL. 125, ISSUE 4.

Das wesentliche Ergebnis der Studie lässt sich mit einem Zitat zusammenfassen: „For every unit increase in the adverse-events score (additional type of adverse event reported), the risk of violence perpetration increased  35% to 144%.“ (S. 784). Das bedeutet umgekehrt natürlich auch, dass je weniger belastende Kindheitserfahrungen gemacht wurden, desto unwahrscheinlicher wird eigenes Gewaltverhalten.
Ein Wert sticht in der Studie übrigens besonders hervor. Für männliche Schüler, die als Kind von einem Familienmitglied sexuell missbraucht worden sind, erhöht sich das Risiko, bei einem Date Gewalt gegen die Partnerin anzuwenden, um den Faktor 44 im Vergleich zu Schülern, die nicht sexuell missbraucht worden sind.

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Abschließend möchte ich noch eine spezielle Studie bespreche. Für folgende Studie wurden 7 Serienmörder in den USA interviewt und analysiert:

Beasley, J. O. (2004). Serrial Murder in America: Case Studies of Seven Offenders. Behavioral Sciences and the Law. Law 22, S. 395-414.

Aufschlussreich war für mich besonders die Diskussion der Studie im Schlussteil. Der Autor betont, dass er einen Schwerpunkt bei der Analyse auch auf die Kindheitshintergründe und mögliche Misshandlungsgeschichten gelegt hätte. (ebd., S. 410) Familienprobleme seien häufig bei den Mördern zu finden gewesen. (Diese wurden aber erstaunlicher Weise in den Fallanalysen selten ausführlich dargestellt, dazu gleich mehr). Aber: Körperliche und/oder sexuelle Misshandlungen wurden seltener gefunden, als angenommen, so der Autor. Nur zwei von sieben Serienmördern wurden als Kind körperlich misshandelt, schreibt er weiter. Außerdem würden die meisten Opfer von Kindesmisshandlung später nicht zu Serienmördern. Somit scheint das Thema Kindheit für den Autor entsprechend abgehakt zu sein.

Das erste, was ich nach dem Lesen dieser Zeilen getan habe, war eine Rechenaufgabe zu lösen. 2 von 7 bedeutet, dass 28,57 % der befragten Serienmörder körperlich misshandelt wurden. Das ist kein sehr hoher Wert, aber auch nicht gerade niedrig. (Der Wert entspricht übrigens genau der Zahl, die mir noch bzgl. Jonathan H. Pincus im Kopf ist, der schrieb, dass von ihm befragte Mörder zunächst zu zwei Drittel sagten, sie seien nicht misshandelt worden, was - das zeigten seine intensiven Recherchen - nicht stimmte. Zu Pincus komme ich gleich noch.)  Die Fallanalysen von Beasley zeigen ein ergänzendes Bild. Bei keinem einzigen Serienmörder fanden sich keine Belastungen in der Kindheit. Es verwundert sehr, dass der Autor in seiner Zusammenfassung nicht deutlich darauf eingeht.

- Serienmörder Nr 1. wurde als Kind adoptiert. Was alles in seiner Herkunftsfamilie geschah und warum er adoptiert wurde, wird nicht beschrieben. Außerdem wird von familiärer Instabilität und sozialer Isolation gesprochen, auch wieder ohne in Details zu gehen. Mörder Nr. 1 tötete insgesamt 17 Frauen. Obwohl er über keine Misshandlungen berichtete, zeigen die wenigen Information, dass seine Kindheit einer weiteren Analyse bedurft hätte.

- Serienmörder Nr 2 ist der einzige Mörder, dessen Kindheit in der Fallanalyse explizit als unauffällig bezeichnet wird. Diese deutliche Aussage verwunderte mich besonders, denn auch dieser Mörder wurde als Kind von einer Familie adoptiert und wuchs dann als Einzelkind auf. Informationen über seine Herkunftsfamilie erhält man erneut nicht. Auffällig fand ich auch, dass er bereits als Jugendlicher Drogen nahm und dass er später vor den Morden (er ermordete drei Frauen) einen intensiven Hass und intensive Wut auf Frauen empfunden habe.

- Die Kindheit von Serienmörder Nr 3 war  eindeutig ein Alptraum. Die Mutter war Alkoholikerin, kalt und distanziert. Sie wechselte zudem mehrmals ihre Partner. Ein Stiefvater misshandelte den Jungen häufig. Im Alter von neun Jahren wurde der Junge für einige Monate bei einer Pflegefamilie untergebracht. Im Alter von zehn wurde er nach einem Einbruch inhaftiert.

- Ebenfalls wurde Serienmörder Nr 4 häufig von seinem Vater sowohl verbal als auch körperlich misshandelt.

- Serienmörder Nr 5 berichtet von einem Gefühl der Isolation als Kind, Frustationen und einer instabilen Familie. Als Jugendlicher schloss er sich einer Straßengang an. Es bleibt in dem Bericht bei diesen oberflächlichen Daten.

- Serienmörder Nr 6 wurde von seinem Vater psychisch misshandelt und berichtet von einem instabilen Zuhause. In seiner frühen Jugend fühlte er sich extrem isoliert. Auch hier bleibt es bei diesen Oberflächendaten.

- Serienmörder Nr 7. wurde als Kind körperlich und psychisch von seinem Vater misshandelt. Als Jugendlicher nahm er exzessiv Drogen und Alkohol.

Ich möchte noch einmal wiederholen, dass es mehr als erstaunlich ist, dass der Autor in seiner Schlussbesprechung Kindheitserfahrungen quasi bei Seite schiebt, obwohl seine eigenen kurzen Fallanalysen bereits in eine andere Richtung zeigen.

Im Text oben habe ich bereits auf meine Buchbesprechung von Jonathan H. Pincus hingewiesen. Ergänzend möchte ich auf eine Arbeit Hinweisen, an der auch Pincus beteiligt war:

Lewis, D. O. / Yeager, C. A. / Swica, Y. /  Pincus, J. H. & Lewis, M. (1997). Objective Documentation of Child Abuse and Dissociation in 12 Murderers With Dissociative Identity Disorder. American Journal of  Psychiatry 154:12, S. 1703-1710

Die befragten Mörder erinnerten entweder keine Misshandlungen oder redeten sie gering. "We were surprised to find that in their usual personality states, most subjects denied or minimized childhood maltreatment. Four of them, for whom documentation of extraordinary abuse was discovered, totally denied any physical or sexual abuse. Seven others who had been severely physically and/or sexually abused had but fragmentary memories of the abuse. None attempted to use histories of abuse to enlist the sympathy of jurors or to excuse their violent acts. Since in their usual personality states most of the subjects had no idea of the kinds of maltreatment they had sustained, they could not use histories of abuse to manipulate clinicians or anyone else." (ebd., S. 1707)

Nun ist es so, dass diese Mörder nachweisbar unter einer Dissoziativen Identitätsstörung litten, womit natürlich Erinnerungslücken einhergehen. (Ähnliche Lücken oder Verneinung von Misshandlungserfahrungen fand Pincus allerdings auch bei anderen Mördern, was ich in meiner oben verlinkten Buchbesprechung ausgeführt habe.) Bei 12 Mördern fanden die Forscher - entgegen den Darstellungen der Mörder selbst - extreme Misshandlungshintergründe, was sie wie folgt zusammenfassten: "The term “abuse” does not do justice to the quality of maltreatment these individuals endured. A more accurate term would be `torture.` " (ebd., S. 1707) Pincus und die anderen Forscher befragten u.a. Eltern, Geschwister, Ehepartner, Onkel und Tanten, Nachbarn, Lehrer, Kindheitsfreunde und in einem Fall sogar Priester für Informationen zur Kindheit und Misshandlungshintergründen. Ergänzend analysierten sie offizielle Unterlagen wie Krankenhausberichte/Krankenakten aus der Kindheit, Gerichtsurteile gegen Elternteile der Mörder, Psychiatrieberichte, Berichte von Pflegefamilien und sozialen Diensten, Polizeiberichte, Schulberichte usw. Die Forschenden betrieben also einen enormen Aufwand um der Frage nachzugehen, was diesen Mördern als Kind alles widerfahren war. Ein solcher Aufwand ist in gängigen Gewaltstudien natürlich nicht machbar. Worauf ich erneut hinaus will ist, dass gerade in Anbetracht von extremen Taten wie Mord oder gar Serienmord berechtigte Zweifel angebracht sind, wenn die Mörder sagen: Meine Kindheit war gut.

In diesem Blog habe ich die Kindheiten von etlichen Diktatoren und politischen Massenmördern analysiert und extrem schwere Misshandlungshintergründe gefunden. Bzgl. Mördern einer Kategorie wie Hitler, Stalin usw. hat man im Gegensatz zu einem "ganz normalen" Mörder den Vorteil, dass sich etliche Historiker und andere Forschende quasi auf diese stürzen und jeden Winkel ihres Lebens ausleuchten. Auch wenn normale Historiker nicht so sehr die Kindheit im Fokus haben, erfährt man doch sehr viel, wenn man genau hinschaut. Ein Fragebogen, der in einem Gefängnis Mördern in die Hand gedrückt wird, ist hilfreich, das haben die oben besprochenen Studien gezeigt. Alleine dem Fragebogen zu vertrauen und daraus abzuleiten, dass ein kleiner Teil der Gewalttäter keinerlei kindliche Belastungen erlebt haben, halte ich für fragwürdig.

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Ich fasse die Erkenntnisse der Studien (inkl. der oben verlinkten) und auch etwas Kritik wie folgt zusammen:

- Straftäter und Straftäterinnen unterscheiden sich bzgl. ihrer Kindheiten überdeutlich von den Kindheiten der Allgemeinbevölkerung. Sie erlebten deutlich häufiger Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung, wie auch andere belastende Kindheitserfahrungen wie Suchtverhalten der Eltern, inhaftierte Familienmitglieder, Miterleben häuslicher Gewalt, psychische Erkrankungen von Elternteilen und Trennung der Eltern u.ä. (Man könnte auch zugespitzt formulieren: Täter und Täterinnen kennen sich aus eigener Erfahrung gut mit Opfererfahrungen aus.)

- Straftäter und Straftäterinnen erlebten ebenfalls deutlich häufiger als die Allgemeinbevölkerung multiple belastendende Kindheitserfahrungen.

- In manchen der o.g. sogenannten ACE Studien - z.B. Reavis et al. (2013) - wird bzgl. elterlichem Gewaltverhalten (laut "Adverse Childhood Experiences Questionnaire") nach häufigen oder sehr häufigen Gewalterfahrungen oder besonders schweren Gewaltformen gefragt. Leider wurden diese drei Punkte nicht weiter aufgeschlüsselt. Es macht z.B. einen Unterschied, ob jemand "sehr häufig" schwere Gewalt erlebt (dies vielleicht auch noch in Kindheit und Jugend)  oder "häufig" leichtere Gewalt in der Kindheit. Interessant wäre hier ebenfalls ein Vergleich mit der Allgemeinbevölkerung. Die Frage wäre, ob die Straftäter verglichen mit Menschen aus der Allgemeinbevölkerung, die ebenfalls als "körperlich misshandelt" eingestuft wurden, überrepräsentiert bzgl. Häufigkeit und besonderer Schwere der Gewalt sind? Zudem zeigt die Fragestellung der ACE Studie, dass weniger als "häufig" erinnerte Gewalterfahrungen nicht angegeben wurden. Insofern bekommen wir kein komplexes Bild über alle Gewalterfahrungen der Straftäter.

- Dass in den o.g. Studien nicht alle Belastungsfaktoren abgefragt werden (was realistisch betrachtet auch schwer möglich ist), zeigte mir neben den oben auch im Text schon gemachten Hinweisen, besonders die Arbeit von Hughes et al. (2012) - siehe oben - die herausstellte, dass für junge Menschen der Allgemeinbevölkerung zwischen 0.1 - 5% das "Fetale Alkoholsyndrom" (Schädigung des Kindes durch Alkoholkonsum in der Schwangerschaft) festgestellt werden konnte, während junge Menschen, die in Haft sind, zu 10.9 - 11.7% betroffen sind.
Ein anderes Beispiel: Die Psychologin und Autorin Susan Forward hat in einem Interview (Süddeutsche Zeitung - Magazin, Heft 10/2017, »Eine Mutter kann dir dein Essen kochen und trotzdem ein Teufel sein«) ein sie sehr prägendes Erlebnis mit ihrer Mutter beschrieben.
"Ein junger Mann an der Schule hatte mir gerade das Herz gebrochen, und mir war zum Heulen zumute. Als wir zurückkamen, legte mir meine Mutter die Hand auf die Schulter. Ich dachte, sie würde mich trösten. Dann sagte sie: »Weißt du, Liebes, du wirst nie so eine gute Reiterin werden, wie ich es bin. Du wirst nie die Athletin sein, die ich bin. Du wirst nie die Tänzerin sein, die ich bin, und du wirst nie die Frau sein, die ich bin.« Die Worte höre ich, als wäre es gestern gewesen. Nimm ein Messer und stich noch ein paarmal fester zu!" Ich bin mir nicht sicher, ob solche extrem destruktiven, elterlichen Verhaltensweisen in den o.g. Studien erfasst worden wären, wahrscheinlich nicht. 
Neben all diesen und ähnlichen Problemen, vor denen Studienmacher stehen, zeigen vor allem die oben besprochenen Arbeiten von Jonathan H. Pincus, dass viele Mörder sich nicht an Misshandlungserfahrungen erinnern können oder wollen und dass man sehr aufwendige Wege gehen muss, um ein komplexes Bild über die Kindheit zu bekommen.

- Besonders bei den oben besprochenen ACE Studien Cannon et al. (2016) und Baglivio et al. (2014), die Straftäter und Straftäterinnen befragt hatten, fiel mir auf, dass die Straftäterinnen fast durchweg höhere Belastungen in der Kindheit angaben, als die Straftäter. In vielen Gewaltstudien bzgl. der Allgemeinbevölkerung wurde zwar eindeutig gezeigt, dass Frauen häufiger von sexuellem Missbrauch in der Kindheit betroffen waren, als Männer, aber bei den anderen Belastungen - vor allem körperliche Elterngewalt, aber auch emotionale Gewalt und Vernachlässigung - sind nach meinem Kenntnisstand Männer je nach Studie oft deutlich häufiger oder zumindest gleichauf betroffen wie Frauen. Wie erklärt sich jetzt, dass in den Straftäterstudien Frauen deutlich belasteter waren als Männer? Ich vermute, dass hier klassische Männlichkeitsbilder in der Gesellschaft wie "Ein Mann ist kein Opfer" und "Ein Mann zeigt keine Schwäche" eine Rolle spielen, vermutlich gerade bei männlichen (Gewalt-)Straftätern sogar eine besondere Rolle. Demnach vermute ich, dass die männlichen Befragten der genannten ACE Studien sich bzgl. Gewalterfahrungen in der Kindheit deutlich mehr ausgeschwiegen haben, als die weiblichen Befragten.

- Einige - vor allem größere - der o.g. Studien schlüsseln nicht genau die Straftätertypen auf und setzten diese dann in ein Verhältnis zu den Kindheitserfahrungen. Die Erkenntnisse aus einigen oben besprochenen und zu Beginn verlinkten Studien deuten eindrucksvoll darauf hin, dass besonders grausame Täter (vor allem Mörder, Serienmörder) auch besonders und auch besonders häufig grausame Kindheitserfahrungen gemacht haben. Wenn in Straftäterbefragungen auch Straftäter zur Kindheit befragt werden, die z.B. nur Eigentums-, Betrugs- oder Drogendelikte begangen haben, verwässern diese Tätertypen evtl. die Ergebnisse. Vor allem in den USA ist zudem die Gesetzgebung besonders streng im Vergleich zu Europa. Dort landen nach meinem Eindruck manches mal Leute in Gefängnissen, die in Europa nicht im Gefängnis landen würden. Mir persönlich geht es in der Analyse vor allem um Gewalttaten. Kindheitserfahrungen von Gewaltstraftäter bedürfen meiner Meinung nach einer gesonderten Aufstellung, das gilt erst Recht, wenn es um Mord geht.

- Über die destruktiven Kindheitserfahrungen hinaus, haben manche Studie eindrucksvoll gezeigt, dass Straftäter auch ergänzend besonders belastet sind; vor allem in Form von sonstigen traumatischen Erfahrungen während ihres Lebens und vor allem auch, was ihre psychische Situation angeht. Es zeigt sich letztendlich deutlich, dass diese Menschen vor allem Hilfe brauchen. Trotzdem muss man natürlich parallel auch den Schutz der Bevölkerung vor Tätern im Auge behalten. Die enormen Kosten, die solche Täter verursachen, könnte man sich sparen, wenn gezielt in Kinderschutz investiert würde, um solche Täterbiografien gleich von Beginn an gar nicht entstehen zu lassen.


Abschließend möchte ich noch darauf hinweisen, dass die WHO explizit als Folge von der Aufdeckung des Ausmaßes der Gewalt gegen Kinder folgenden Bericht bereits im Jahr 2007 veröffentlicht hat: World Health Organization (2007). The cycles of violence. The relationship between childhood maltreatment and the risk of  later becoming a victim or perpetrator of violence. Copenhagen. In dem Bericht wird auf den Opfer-Täter-Kreislauf, aber auch auf den Opfer-Opfer-Kreislauf hingewiesen und Prävention und Intervention gefordert. Mein persönlicher Eindruck ist - wie bereits eingangs geschrieben -, dass es auf der einen Seite immer mehr wissenschaftliche Arbeiten über die destruktive Kindheit von Straftätern gibt oder sogar eindeutige Fakten-Papiere inkl. Präventionsaufruf wie das der WHO und auf der anderen Seite immer noch große Fragezeichen bzgl. der Ursachen von Kriminalität und Straftaten in den Medien und der allgemeinen Bevölkerung stehen. Ich hoffe, dass ich durch diesen Text diesen Widerspruch etwas weiter auflösen kann.




Verwendete Quellen:

Baglivio, M. T. /  Epps, N. /   Swartz, K. /  Sayedul Huq, M.  , Sheer A. , Hardt, N. S. (2014). The Prevalence of Adverse Childhood Experiences (ACE) in the Lives of Juvenile Offenders. Journal of Juvenile Justice. Vol. 3, Issue 2.

Beasley, J. O. (2004). Serrial Murder in America: Case Studies of Seven Offenders. Behavioral Sciences and the Law. Law 22, S. 395-414.

Boswell, G. (1997). The Backgrounds of Violent Young Offenders. The Present Picture. In: Varma, V. P. (Hrsg.). Violence in Children and Adolescents. S. 22-36. London: Jessica Kingsley Publishers.

Cannon, Y. / Davis, G. / Hsi, A.  & Bochte, A.  (2016). Adverse Childhood Experiences in the New Mexico Juvenile  Justice Population. New Mexico Sentencing Commission.

Carrion, V. G. & Steiner, H. (2000). Trauma and Dissociation in Delinquent Adolescents. Child & Adolescent Psychiatry, Vol. 39, Issue 3, S. 353-359

Craparo, G. / Schimmenti, A. & Caretti, V. (2013). Traumatic experiences in childhood and psychopathy: a study on a sample of violent offenders from Italy. European Journal of  Psychotraumatology. 4: 10.

Driessen, M. / Schroeder, T. / Widmann, B/  von Schönfeld, C.-E. & Schneider. F. (2006). Childhood trauma, psychiatric disorders, and criminal behavior in prisoners in Germany: a comparative study in incarcerated women and men. Journal of Clinical Psychiatry. 67(10), S. 1486-1492.

Dudeck, M. /  Drenkhahn, K. / Spitzer, C. /  Barnow, S.  / Kopp, D.  / Kuwert, P. /  Freyberger, H. J. & Dünkel, F.  (2011). Traumatization and mental distress in long-term prisoners in EuropePunishment & Society 13 (4), S. 403-423.

Duke, N. N. / Pettingell, S. L. / McMorris, B. J. & Borowsky I. W. (2010). Adolescent Violence Perpetration: Associations With Multiple Types of Adverse Childhood Experiences. Pediatrics, VOL. 125, ISSUE 4.

Häuser, Winfried; Schmutzer, Gabriele; Brähler, Elmar; Glaesmer, Heide (2011).  Misshandlungen in Kindheit und Jugend: Ergebnisse einer Umfrage in einer repräsentativen Stichprobe der deutschen Bevölkerung. Deutsches Ärzteblatt, Jahrgang 108, Heft 17

Hughes, N. / Williams, H. /  Chitsabesan, P. /  Davies, R. &  Mounce, L. (2012). Nobody made the connection: The prevalence of neurodisability in young people who offend. Office of the Children’s Commissioner (UK).

Levenson, J. S. (2016). The influence of childhood trauma on sexual violence and sexual deviance in adulthood. Traumatology, 22(2): 94-103.

Lewis, D. O. / Yeager, C. A. / Swica, Y. /  Pincus, J. H. & Lewis, M. (1997). Objective Documentation of Child Abuse and Dissociation in 12 Murderers With Dissociative Identity Disorder. American Journal of  Psychiatry 154:12, S. 1703-1710

Messina, N. & Grella, C. (2006). Childhood Trauma and Women’s Health Outcomes in a California Prison Population. American Journal of Public Health. Vol. 96, No. 10.

Reavis, J. A., Looman J., Franco, K. A., Rojas B. (2013). Adverse Childhood Experiences and Adult Criminality: How Long Must We Live before We Possess Our Own Lives?. The Permanente Journal, Spring 2013, Vol. 7, No. 2, S. 44-48.

Schröttle, M. & Müller, U. (2004): III. Teilpopulationserhebung bei Inhaftierten. „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Williams, K. /  Papadopoulou, V. & Booth, N. (2012). Prisoners’ childhood and family Backgrounds. Results from the Surveying Prisoner Crime Reduction (SPCR) longitudinal cohort study of prisoners.  Ministry of Justice (UK), Research Series 4/12.

World Health Organization (2007). The cycles of violence. The relationship between childhood maltreatment and the risk of  later becoming a victim or perpetrator of violence. Copenhagen.






Donnerstag, 23. Februar 2017

Das Schweigen und die Kritik: Banale Erkenntnisse und Gedankenspiele für ein komplexeres Verständnis der Ursachen von Gewalt

Über das nachfolgende Thema habe ich schon hier und da Texte im Blog geschrieben. Aktuell ist es mir ein Bedürfnis, dazu noch einmal aus meiner aktuellen Sicht heraus etwas systematischer und weiter auszuholen.

Wer versucht, auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen destruktiven Kindheitserfahrungen und destruktiver Politik, Terror, Krieg, Gewaltverhalten hinzuweisen wird i.d.R. folgende Reaktionen kennen:

  • Gar keine Reaktion / Schweigen (die häufigste Reaktion!)
  • Ablenkung und Überleitung zu einem anderen Thema (gerade bei Onlinediskussionen wird man dann mit Beiträgen zu anderen Themengebieten, Fragen, die in eine ganz andere Richtung gehen usw. „bombardiert“ oder es werden geschickt Vorwürfe in den Raum gestellt, auf die man antworten muss und dadurch schnell weg vom eigentlichen Thema ist)
  • Massive Kritik, die teils deutlich irrational daherkommt oder persönlich wird
  • Hinweis darauf, dass die meisten als Kind misshandelten Menschen keine Mörder, Gewalttäter, Terroristen oder Kriegstreiber werden.
  • Hinweis darauf, dass man Mörder/Gewalttäter nicht entschuldigen solle oder angeblich automatisch entschuldigen würde, wenn man sich mit ihrer Kindheit und traumatischen Erfahrungen befassen würde
  • Hinweis darauf, dass es „das Böse“ gibt. Punkt. 
  • Hinweis darauf, dass auch als Kind geliebte Menschen Mörder und Terroristen werden könnten bzw. dass nicht alle Gewalttäter eine schlechte Kindheit hatten
  • Vorwurf, es würde keine serösen Studien geben, die etwas in der Richtung belegen (ich selbst habe schon erlebt, dass mir von – eigentlich intelligenten – Menschen vorgeworfen wurde, ich würde absolut unhaltbare, gar unseriöse Studien nutzen. Dabei zitierte ich in der Diskussion Studien vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) oder bezog mich auf Biografien von anerkannten Historikern über Diktatoren….)
  • Hinweis, dass der Blick auf die Kindheit stark vereinfachend wäre und komplexe andere Einflussfaktoren ausblenden würde
  • Ich habe auch erlebt, dass Gewalt gegen Kinder (vor allem körperliche) schädliche Folgen aberkannt wurden, nach dem klassischen Motto: "So etwas hat doch noch keinem geschadet".... Bei dieser Einstellung ist grundsätzlich jegliche kostruktive Diskussion fast unmöglich. Erstaunlicher Weise habe ich auch eine Art "Mischform" dieser Kritik erlebt nach dem Motto: "Ja, Kindesmisshandlung schädigt und bzgl. Folgen wie Drogenkonsum, Depressionen usw. erkenne ich die Zusammenhänge an, aber bzgl. Gewalttätern, Kriegen und Terror gibt es andere, komplexere Ursachen. Punkt."
  • Ein weiteres Problem scheint mir zu sein, wenn Menschen stark in Weltbildern denken. Dies ist mir persönlich vor allem bzgl. Feministinnen wie auch stark links-intellektueller Denkrichtungen aufgefallen. Erstere stemmen sich (berechtigt) gegen Männermacht, Frauenunterdrückung, Ungleichheit usw. und wenn dann jemand kommt und auf die Opfererfahrungen bzw. die Ohnmacht von männlichen Tätern hinweist, dann "stört" dies das eigene Erklärungsmodell für Gewalt (ergänzend kommen Frauen/Mütter als Täterinnen mit in den Blick, vor allem auch, wenn es um die Kindheit von männlichen Tätern geht. Ein ganz heißes Eisen...). Ebenso störend scheint mir für viele Linke das psychohistorische Denkmodell zu sein, weil die Psychohistorie Wachstum, Fortschritt und Veränderungen als Trigger für Gewalt ansieht, während Linke Ungleichheit, Ausgrenzung, schlechte wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, soziale Rückschritte und Machtgier von Eliten als Gewaltursache verorten. Zudem scheinen so manche Linke die emotionale Welt komplett ausblenden zu wollen, weil ihre Erklärung von der Welt und ihren Konflikten rein rational ist.
Letztlich kann man die Reaktionen auch wie folgt zusammenfassen: Wir wollen das einfach nicht hören und sehen und erst Recht nicht darüber sprechen! Warum ist das so?

1. Sehr viele Menschen haben destruktive Kindheitserfahrungen (vor allem im Elternhaus) gemacht. Das Thema Kindheit und Folgeschäden wie Gewaltverhalten rührt dann zwangsläufig an den eigenen Emotionen/Erfahrungen, die man besser "gedeckelt" haben möchte. Deshalb betone ich stets, dass eine sich stetig verbessernde Kindererziehungspraxis gepaart mit einem flächendeckenden psychotherapeutischen Angebot für als Kind misshandelte Menschen (zur Aufarbeitung ihrer Geschichte) Stück für Stück dazu beiträgt, dass die Scheuklappen fallen und wir als Gesellschaft offen über das Thema werden reden können.

2. Nicht wenige Menschen waren in ihrem Leben auf die eine oder andere Art Täter. Das Thema rührt also nicht nur an der alten Ohnmacht, sondern auch an selbst missbrauchter Macht und entsprechend verdrängten Schuldgefühlen. Ich persönlich glaube, dass eigenes Täterverhalten noch viel schwerer psychisch aufzuarbeiten ist, als erlebte Opfererfahrungen und insofern das Thema massiv abgewehrt werden muss. (Ab einer gewissen Intensivität/Grausamkeit an Tat glaube ich sogar, dass der entsprechende Mensch quasi verloren ist, dass eine umfassende, echte und nachhaltige emotionale Aufarbeitung der Tat psychisch nicht ertragbar wäre, ohne sich dann selbst umzubringen. Das nur nebenbei.)

3. Viele Menschen werden durch das Thema nicht nur mit eigenen Ohnmachtserfahrungen konfrontiert, sondern verknüpfen die Diskussion um Opfererfahrungen von TäterInnen zwangsläufig auch mit „ihrem“ Täter / "ihrer" Täterin. Dieser Täter von früher "schwebt" dann quasi mit über der ganzen Diskussion. Manchmal hatte ich schon das Gefühl innerhalb von Diskussionen, die zumindest schon recht weit gegangen waren, dass entsprechende Diskussionsteilnehmer innerlich schreien: „Ich hasse den Täter, ich will nicht über das nachdenken, was ihm selbst passiert ist und warum er das tat, ich hasse ihn/sie und ich werde mich erst recht nicht damit befassen, was ein Hitler oder sonst wer als Kind erlebt hat.“

Die vorgenannten drei Punkte sind alle samt irrationaler Natur und dadurch schwer aufzubrechen. Es gibt aber in der Tat auch Menschen, die zumindest für rationale Argumente zugänglich sind, aber trotzdem am Anfang der Diskussion erstmal z.B. mit der Standardphrase kommen: „Aber es wurden doch so viele als Kind Opfer und trotzdem wurden sie keine Mörder….“. Bzgl. Argumenten, die solche Menschen zum Nachdenken bringen könnten, habe ich mir viele Gedanken gemacht und darum soll der weitere Text hier gehen. Grundsätzlich glaube ich natürlich an die Vernunft und den gesunden Menschenverstand. Mein Blog an sich ist ein einziger großer Versuch, durch Fakten und Wissen aufzuklären und Scheuklappen abzubauen. Ich bin sicher, dass ein gewisser Teil der Menschen für solche Fakten offen ist, wenn man sie gut und umfassend darstellt. Nun aber weiter im Text...

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Für mich persönlich ist die einfache Erkenntnis, dass Opfererfahrungen Täterverhalten von Grund auf bedingen (können) oder anders gesagt, dass als Kind wirklich geliebte und gewaltfrei erzogene Menschen keine Massenmörder, Vergewaltiger, Terroristen oder Kriegstreiber u.ä. werden im Grunde banal. Trotzdem spricht über diese Dinge selten jemand öffentlich, noch seltener mit deutlichen Worten (Selbst jemand wie Arno Gruen hat in Interviews oder Vorträgen meiner Wahrnehmung nach nicht selten durch sein  Philosophieren und durch seine ihm eigene Ausdrucksweise zu sehr um das Thema herumgeredet und einfache Wörter wie "Kindesmisshandlung" z.B. selten benutzt. In seinen Werken werden auch keine Studien über das Ausmaß von Kindesmisshandlung benutzt.). Ich fasse jetzt einmal brainstormartig meine persönlichen Erkenntnisse zusammen, die wiederum vielleicht auch geeignet sind, in Diskussionen zu argumentieren:

1.

Wenn ein als Kind misshandelter Mensch später nicht zum Mörder oder Terroristen wird (was an sich eine richtige und banale Erkenntnis ist) heißt dies NICHT, dass dieser Mensch ohne Folgeschäden durch sein Leben geht! Leider reicht es vielen Kritikern in den Raum zu werfen, dass Misshandlungserfahrungen nicht zwangsläufig bei allen Menschen dazu führen, z.B. ein Mörder oder Terrorist zu werden, weswegen andere Einflussfaktoren bei Mordtaten gewichtiger seien. Diese Art von Kritik zeugt meiner Ansicht nach ihrerseits von fehlendem Wissen bzgl. komplexer möglicher Folgeschäden von Kindesmisshandlung wie auch fehlender Fantasie und Vorstellungsvermögen. Dazu gleich mehr. Die Liste möglicher Folgeschäden von Kindesmisshandlung ist derart lang, dass dies fast ein eigener Beitrag wäre. Gewaltverhalten ist nur eine von vielen möglichen Folgeschäden.

2.

Wenn ein als Kind misshandelter Mensch nicht zum Täter einer Kategorie wie "Mörder" oder "Terrorist" oder "verurteilter Gewaltstraftäter" wird, heißt dies nicht, dass er/sie nie zum Täter/Täterin wurde! Das wird oftmals komplett ignoriert in der Diskussion.
Die meisten Menschen (unsere Vorfahren) wurden im historischen Rückblick vom Opfer zum Täter, denn die meisten Menschen haben nachweisbar ihre eigenen Kinder misshandelt, so wie sie es selbst erlitten hatten. Dieser Prozess wurde in Europa erst im Laufe des 20. Jahrhunderts Stück für Stück unterbrochen. In anderen Regionen auf der Welt misshandelt immer noch die Mehrheit der Eltern ihre Kinder, so wie sie es selbst erlitten haben.
Ich selbst habe im Lauf der Zeit unzählige Fallgeschichten gelesen - selten (weil zu belastend) sogar Videos auf youtube von Müttern gesehen, die ihre (Klein-)Kinder misshandelten - die derart grausam und unvorstellbar waren, dass sie im Grunde nur mit dem Wort Folter genauer zu bezeichnen sind. Diese „ganz normalen Menschen“ sprengen sich nicht in die Luft, begehen keine Gräueltaten gegen Minderheiten, ermorden keine Menschen, aber sie sind trotzdem unglaublich grausam und sadistisch, nur im Verborgenen. Hinzu kommen alle erdenklichen Verhaltensweisen von Menschen, die man als Täterverhalten bezeichnen kann (bewusste Umweltzerstörung, häusliche Gewalt, ökonomische Ausbeutung und Vernichtung von Lebensgrundlagen, Tierqäulerei, Mobbing, Intrigen usw.) oder sozial legitimiertes, straffreies Täterverhalten in dem man z.B. (Elite)soldat wird.

3.

Der viel größere Zweig an Folgeschäden ist der, der eher mit Selbstzerstörung und Krankheitsbildern zu tun hat. Die meisten als Kind misshandelten Menschen werden nicht zu Mördern etc., aber viele „vernichten“ sich auf die eine oder andere Art selbst, tun sich selbst „Gewalt“ an: Rauchen, Drogen, Suizid, Wählen von gewalttätigen Partnern, Prostitution, Spielsucht, „unbewusstes Suchen von Ohnmachtserfahrungen“, lebensgefährlicher Extremsport, Leben in Einsamkeit und Angst usw. Dazu kommen diverse Krankheitsbilder und Persönlichkeitsstörungen als Folge von Kindesmisshandlung, die in der Fachliteratur ausführlich beschrieben wurden. (Als Paradebeispiel für einen solchen Lebensweg habe ich im Blog die Kindheit von Kurt Cobain analysiert.)

Zu diesen Folgen gehört auch das Erstarren oder Stillhalten oder Mundhalten in Situationen, wo Zivilcourage oder Widerstand gefordert wäre (als Extrembeispiel das Mitläufertum und Stillschweigen in der NS-Zeit). Oder ein anderes Extrembeispiel bzgl. eines Mannes aus dem Iran, der zur anstehenden Präsidentschaftswahl folgendes sagte: "Wir sind gezwungen, auf unseren Führer zu hören. Und wir dürfen auf keinen anderen hören. Es ist wie in einer Familie. Er ist unser Vater, und wir müssen auf unseren Vater hören, auch wenn der Vater falsch liegen sollte."
Die Ohnmacht, dass sich-Hingeben-in-Ohnmacht, dass bedingungslos sich-der-Macht-unterwerfen, wie man selbst als Kind unterworfen wurde, es ist direkt kein Täterverhalten, aber es bereitet den Boden für Täterverhalten von Machtmenschen, gerade auch im größeren politischen Sinne. Meiner Meinung nach ist diese (kollektive) Ohnmacht oder auch das Opferverhalten sogar gewichtiger bei der Entstehung von Kriegen oder diktatorischen Putschen oder dem jahrzehntelangen Fortbestehen von Diktaturen, als das Täterverhalten (denn die Täter sind meist eine Minderheit).

Ein anderes Beispiel sind Mütter, die selbst als Kind sexuell missbraucht wurden und den Missbrauch durch den Partner an der eigenen Tochter nicht sehen wollen und können und ihr Kind nicht schützen. Ergänzend sei darauf hingewiesen, dass Studien deutlich erlebte elterliche Gewalt als starken Risikofaktor für spätere Opfererfahrungen in Form von sexueller und/oder häuslicher Gewalt lokalisiert haben. (vgl. z.B. Hellmann, D. F. (2014): Repräsentativbefragung zu Viktimisierungserfahrungen in Deutschland. KFN. S. 114 + 140) Anders ausgedrückt: Wer Opfer von elterlicher Gewalt war, wird mit einer deutlich erhöhten Wahrscheinlichkeit als Erwachsener Opfer von Gewalt. (Opfer-Opfer-Kreislauf)
Ich erinnere mich an einen Mann, der als Kind schwer misshandelt wurde. Er berichtete mir, dass eine wesentliche Folge dieser Misshandlungen für ihn seien, dass er zu keinerlei (vor allem auch verbalen) aggressiven Reaktionen oder Verhaltensweisen in der Lage sei. Er sei immer nett, zurückhaltend und lasse sich vieles gefallen. Von diesem Mann geht keine Gefahr für andere aus, aber er ist auf eine Art eine "Gefahr für sich selbst", einfach, weil er sich nicht schützen kann, sondern quasi ein "perfektes Opfer" ist (ohne die Täter entschuldigen zu wollen, die diese psychische Situation erkennen und ausnutzen, versteht sich!).

All diese Gedankenspiele machen die Komplexität deutlich, die Masse an möglichen Folgeschäden durch Kindesmisshandlung und auch Grauzonen und Übergänge zum strafrechtlich relevanten Täterverhalten. Ein Mörder, ein Terrorist, ein Diktator zu werden ist nur eine von vielen Folgeschäden. Die Misshandlungs-/ Ohnmachtsgeschichte der Täter ist der wichtigste Faktor, der ihr Tatverhalten ermöglichte, trotzdem sehr viele einst misshandelte Menschen nicht zu Mördern werden.

4.

Der Vorwurf, dass eine zentrierte Konzentration auf Ohnmachtserfahrungen und Kindheit von Tätern eindimensional/vereinfachend wäre und komplexe andere Einflussfaktoren ausblenden würde, beleidigt regelmäßig meine Intelligenz (den Satz wollte ich schon immer einmal schreiben :-) ).

Natürlich lenken unzählige Faktoren die Wege von uns Menschen. Es wäre sehr dumm, dies zu ignorieren. Alleine die Kategorie „Geschlecht“ oder "Gender" ist bzgl. Täterverhalten ganz wesentlich. Meine Fantasie kennt ansonsten kaum Grenzen bzgl. weiterer Faktoren: Schicht, Milieu, Zeitgeist, Kultur, Intelligenzquotient, Zugang zu Macht, angeborene Charakterstruktur, soziale Umwälzungen, technische Voraussetzungen, persönliche Machtmittel usw.
Und ganz wichtig: Zufall. Zufälle entscheiden sehr viel im Leben. Manchmal trifft man zufällig auf Menschen oder Situationen oder auf eine Umgebung, die einen Wendepunkt markieren. Das kennen wir alle. Der ehemalige IS-Anhänger Ebrahim sagte z.B. folgendes: "Würde ich von einer Rocker-Bande aufgenommen in Jamaika oder in Amerika von Hells Angels oder so was, wäre ich mitgegangen. Ich bin gestolpert und wurde von den falschen Händen aufgenommen." Der als Kind schwer misshandelte ehemalige Unterstützer von palästinensischen Terroristen Willi Voss sagte: "Ich war ein verlorener Hund. Einer, der so oft getreten worden war, dass er zurückbeißen wollte, egal wie (…). Hätte ich damals Andreas Baader getroffen, wäre ich vermutlich bei der Roten Armee Fraktion gelandet.“ (siehe hier)
Ein anderer Menschen mit ähnlichen Kindheitshintergründen trifft vielleicht einen Priester und landet im Kloster, wo er sich der Gruppenstruktur und den Ritualen unterordnet und auf seine Art glücklich ist. Er wird kein Terrorist. Dies als angehängtes Gedankenspiel, das man entsprechend weiter spinnen kann.

Zu dieser Kategorie „Zufälle“ gehört für mich auch etwas, was der Kriminalist und Autor Stephan Harbort bzgl. der Genese von Serienmördern als „Schlüsselmoment“ bezeichnet hat, wie z.B. die Beobachtung einer Tierschlachtung (teils in jungen Jahren). Jemand, der vielleicht ähnliche mörderische Potentiale hat, aber andere Erlebnisse macht und entsprechende Schlüsselmomente nicht erlebt, geht dann evtl. andere Wege, als ein Serienmörder zu werden.

Dass äußere Umstände deutlich beeinflussen, ob jemand zum Mörder wird oder nicht, zeigt auch, dass nach 1945 zig tausende Mörder in Deutschland plötzlich zu scheinbar „ganz normalen Bürgern“ wurden und nie wieder jemanden umbrachten. Anderseits machten viele im Verborgenen weiter, z.B. durch die Misshandlung der eigenen Kinder, wo wir wieder beim obigen Punkt 2. sind. Entsprechend ist klar, dass gesellschaftliche Umstände und Strukturen mörderische Potentiale fördern oder auch deckeln können. Die Wirklichkeit ist komplex, aber es ist und bleibt nach- und geradezu fahrlässig, die Kindheitserfahrungen von Tätern ausblenden zu wollen.
Das NS-Regime konnte Bedingungen schaffen, die das Ausleben von Hass und Mordlust normal erscheinen ließ. Das Regime musste aber auf den tief sitzenden Hass zurückgreifen, den die Mehrheit der Menschen seit Kindheitstagen mit sich herumschleppte, denn die meisten um 1900 im Deutschen Reich Geborenen waren einst misshandelte Kinder. Ein Volk, das mehrheitlich aus als Kind geliebten und gewaltfrei Erzogenen besteht, kann - egal durch welche Umstände auch immer - nicht zu einem Weltkrieg oder Genozid "verführt" werden.

5.

Die Beweislage bzgl. des enormen Einflusses von Kindheitserfahrungen auf menschliches Verhalten ist erdrückend, wie ich finde. In meinem Blog habe ich die letzten Jahre umfassend Studien und Biografien vorgestellt. (siehe z.B. hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier + diverse Biografie- und Länderanalysen; hinzu kommen diverse Studien, die ich gelesen aber die ich im Blog noch gar nicht verarbeitet habe, dabei vor allem auch diverse ACE-Studien (Adverse Childhood Experiences) und Studien mit Strafgefangenen; hinzu kommen natürlich auch die Arbeiten von Arno Gruen, Alice Miller, Lloyd deMause oder diverse andere psychohistorische Veröffentlichungen). Es ist erstaunlich, dass all diese Daten und Erkenntnisse immer noch nicht zum Allgemeinwissen gehören und weiterhin nicht beständig in z.B. mediale Analysen von Krieg, Terror und Gewalttaten mit einbezogen werden.

Manche Forschende sind vielleicht auch etwas zurückhaltend, weil natürlich nicht immer zweifelfrei oder wissenschaftlich sauber Misshandlungshintergründe für alle untersuchten Täter festgestellt werden können. Das liegt teils am Aufbau von Studien (wenn z.B. nur körperliche Gewalt erfragt wird) aber natürlich auch oft daran, dass bereits Menschen, die sich nichts zu Schulden haben kommen lassen, nur ungern hinausposaunen, was ihnen alles als Kind passiert ist oder sich teils nicht erinnern können oder wollen. Kindesmisshandlung ist ein sehr schambehaftetes Themenfeld, ergänzend fühlen sich viele Betroffene auch noch schuldig. Erst recht werden Mörder oder gar Terroristen und ihre Familien nicht gerade immer auskunftsfreudig sein. Wir erinnern uns: Kindesmisshandlung ist eines der am besten verborgenen und gehüteten Verbrechen in der Welt.

Letztlich ist es aber so, dass dieses Wissen um Verdrängung, Abspaltung, Scham, Schweigen, Familiengeheimnis usw. bereits Teil des wissenschaftlichen Wissens in der Fachliteratur ist. Insofern verwundert es doch, dass Forschende, die Gewalttäter oder Gewalttätergruppen untersuchen, nicht routinemäßig darauf hinweisen, dass evtl. ein gewisser Teil der Befragten Dinge nicht ausdrücken oder sich nicht erinnern konnten.

Nochmal ein letzter Hinweis auf das "Familiengeheimnis": Wenn der Täter und seine Mutter und Schwester den Anschein machen, alles wäre gut und normal in der Kindheit des Täters gelaufen, dann heißt dies nicht zwangsläufig, dass dies stimmt. (Man versetze sich auch einmal in die Mutter eines Massenmörders hinein, die weiß, was sie ihrem Kind alles angetan hat. Tritt so eine Frau nach der Tat vor die Presse und sagt umfassend über die Kindheit ihres Sohnes aus?) Dies bezeugte am für mich Eindrücklichsten der Fall Anders Breivik, der entgegen seinen Darstellungen und denen seiner Mutter (die Schwester schwieg sich aus) als Kind komplex misshandelt und vernachlässigt wurde. Dies erfuhren wir nur dank eines psychiatrisch-stationären Aufenthalts von Anders gemeinsam mit seiner Mutter, als Anders vier Jahre alt war. Hätte es diese Begutachtung im Kindesalter nicht gegeben, würden wir heute noch denken, Anders Breivik sei ganz normal aufgewachsen, einzig die Trennung seiner Eltern wäre eine Belastung gewesen.

Ein anderes Beispiel. Gewalttäter werden häufig durch Fragebögen oder in Interviews befragt. Darin sollen sie für sie unbekannte Menschen über Dinge berichten, die sehr intim, schmerzhaft und schambesetzt sein können. Die beiden Schwestern Nancy und Maya Yamout haben im Roumieh-Gefängnis von Beirut 20 verurteilte Terroristen über zwei Jahre lang immer wieder besucht, befragt und so ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Erst so konnten sich diese Täter öffnen. Alle 20 kamen aus extrem destruktiven Elternhäusern.

Der Neurologe Jonathan H. Pincus ist ähnlich vorgegangen und hat jahrelang mit Mörder, Serienmörder und Massenmörder in diversen amerikanischen Hochsicherheits-Gefängnissen gearbeitet und diese - wie auch ihre Familien und Anwälte - befragt und ein Vertrauensverhältnis aufgebaut (insgesamt über 150 Mörder). Pincus berichtet, dass von allen Gewalttätern und Mördern, die er befragt hat, anfänglich zwei Drittel (!!) sagten, dass sie keine Kindesmisshandlung erlebt hätten. Wenn er diese Fälle nicht weiter untersucht hätte, so Pincus, wäre er wohl nicht darauf gekommen, dass Misshandlungserfahrungen besonders weit unter Gewalttätern verbreitet sind. Er erklärt sich die ersten Antworten der Befragten damit, dass viele sich nicht an die erlebte Gewalt  erinnern können (oder wollen) und zusätzlich auch weiterhin Angst haben, darüber zu sprechen. Häufigen und langjährigen körperlichen und sexuellen Missbrauch durch Elternteile oder Elternfiguren fand Pincus schließlich dank seiner langen Arbeit mit den Tätern bei den meisten von ihm untersuchten Mördern, was er wie folgt zusammenfasst: "It has been amazing to discover that the quality and the amount of `discipline` these individuals have experienced are more like that of a prisoner in a concentration camp than a child at home.“

Ähnliches berichtet der in den USA inhaftierte Jens Söring direkt aus dem Gefängnis. Viele Gefangene würden Gefängnispsychologen misstrauen und sich nicht öffnen. Er selbst hat viele Mörder kennengelernt und viele persönliche Gespräche mit ihnen geführt. Er schreibt: "Jeder Gefangene, mit dem ich etwas befreundet war, wurde als Kind sexuell oder körperlich misshandelt. Jeder, ohne Ausnahme, in (fast) 25 Jahren!"

Nun kann man dem entgegnen, dass ich es mir dabei leicht machen würde. Wenn keine Misshandlungshintergründe bei Tätern gefunden würden, wird halt verdrängt/geschwiegen, meine Thesen müssen also immer wahr sein. Nun, diese Kritik kann ich verstehen. Ich habe mir allerdings nicht die menschliche Natur/Psyche und die Reaktion von Menschen auf Kindesmisshandlung ausgedacht. Die Dinge sind nun einmal so, wie sie sind. Für viele Menschen ist es unerträglich, offen auf ihre Kindheit zurückzuschauen, das gilt erst recht für Mörder und Sadisten und ja, auch für ihre Familien.

6.

Ebenfalls längst belegt ist, dass die Folgeschäden von Kindesmisshandlung wesentlich von der Häufigkeit und Intensität der Gewalt, Alter des Kindes zum Tatzeitpunkt (je jünger das Kind, desto schlimmer die Folgen), Nähe zum Täter/Täterin (vor allem Gewalt durch Elternfiguren wirkt sehr zerstörerisch) und - auch ganz wesentlich - einem Mix an Gewaltformen und Belastungen (körperliche, sexuelle, psychische Gewalt, emotionale/ körperliche Vernachlässigung, Suchtverhalten der Eltern, Miterleben von häuslicher Gewalt, (schwere) psychische Erkrankungen eines Elternteils, Scheidung der Eltern, Trennung eines Elternteils vom Kind, Tod eines Eltern- oder Geschwisterteils + traumatische Erfahrungen außerhalb der Familie usw.) abhängen. Manche Kinder erhalten in solchen Situationen Hilfe von Außen (durch eine Oma, einen Lehrer, einem Therapeuten oder dem Kinderschutz/Jugendamt), andere erhalten nie Hilfe, auch dies wirkt sich entsprechend aus.

Je mehr zusammenkommt, desto schwerer die Folgen (und desto mehr erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch zum Täter wird). Regelmäßig habe ich bei der Analyse von Massenmördern und Diktatoren hier im Blog festgestellt, dass diese Täter nicht einfach mit Worten wie "hatte eine schlechte Kindheit" oder "erlebte Gewalt als Kind" zu kennzeichnen sind, sondern sie erlebten einen Alptraum von häufiger Gewalt in verschiedenen Formen, oft durch verschiedenen Bezugspersonen, über längere Zeiträume, oft seit frühster Kindheit, ohne jegliche Hilfe von Außen. Sie gehören entsprechend innerhalb der Gruppe von als Kind misshandelten Menschen zu einem kleineren Prozentsatz von besonders schwer und häufig Misshandelten.
Der Satz "die meisten Menschen, die eine schwere Kindheit hatten, werden nicht zu Massenmördern" ist insofern auch wenig sinnvoll, weil man eher Biografien vergleichen müsste, die ähnlich massiv destruktiv waren. Ich garantiere, dass Menschen mit einer ähnlichen Kindheit wie z.B. Hitler, Stalin, Breivik oder Saddam Hussein unter extremen Folgeschäden in ihrem Leben leiden werden. Da sind wir wieder beim Anfang unter Punkt 1.

Ähnlich ist es auch bzgl. dem Vergleich von Ländern. Man kann nur tiefgehende und breite Daten über die Kindheit zum Vergleich heranziehen, keine Oberflächendaten wie "jedes ca. dritte Kind in Deutschland wird geschlagen". Denn jedes ca. dritte Kind in Deutschland wurde geschlagen, aber sehr oft selten (ein oder zweimalig) und in Form von leichter Gewalt. Entsprechend sind die Folgeschäden auch ganz anders zu bewerten, als wenn z.B. im Nahen Osten jedes ca. vierte Kind innerhalb von 4 Wochen schwere körperliche Elterngewalt erlebt, was UNICEF herausgestellt hat.

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Abschließend möchte ich noch ein Gedankenspiel und ein persönliches Erlebnis schildern.

Mensch stelle sich einmal eine psychotherapeutische Situation vor: Ein Patient, der vielleicht an Depressionen leidet und/oder Drogen nimmt. Im Rahmen der Therapie wird deutlich, dass der Patient eine extrem schwierige und von Gewalt geprägte Kindheit hatte. Im Laufe der Therapie wird diese Kindheit besprochen, der Patient erlebt dabei viele aufwühlende Emotionen, wird aber von dem Therapeuten gestützt und geschützt. Gemeinsam mit dem Therapeuten wird dem Patient klar, dass viele seiner Probleme aus seiner Kindheit stammen. Stetig geht es dem Patienten besser. Er fühlt sich befreit, erleichtert. Jetzt kommt jemand von außen und wirft dazwischen: "Nein, lieber Patient, Deine Kindheit kann nicht in einen Zusammenhang zu Deinen Problemen gebracht werden, denn sonst würden ja überall nur noch drogensüchtige und depressive Menschen herumlaufen! Viele Menschen haben eine schlechte Kindheit und werden nicht depressiv und drogensüchtig."
Der Patient und der Therapeut wären mehr als erstaunt, denn für diesen Patienten sind die Zusammenhänge spürbar real. Für ihn ist es absolut irrelevant, ob andere misshandelte Menschen keine Drogen nehmen. Er fühlt sich nicht als statistische Größe und Vergleichsbeispiel, sondern als Mensch, der Probleme hat, weil er Furchtbares erlitten hat. Und die Aufarbeitung seiner Kindheit hilft ihm merklich, ihm geht es besser, Punkt.

Ergänzend ein Erlebnis, das ich vor ca. einem Jahr hatte. Eine entfernte Bekannte erzählte mir, dass es einen interessanten Vortrag zum Thema islamistischer Terror geben würde. Der Vortragende sei Experte aus Großbritannien und würde das Ganze sicher einmal verständlich machen. Ich entgegnete, dass ich dies nicht glaube. Ich sagte, dass er garantiert nicht über destruktive Kindheitserfahrungen sprechen würde. Dann erklärte ich ihr meine Sicht und berichtete von Zahlen über Kindesmisshandlung im Nahen  Osten. Es geschah nun etwas erstaunliches. Jedes mal, wenn ich über die Kindheit sprach, lenkte diese Bekannte schnell ab oder anders gesagt, sie ignorierte meinen Hinweis komplett. Ich versuchte es einfach mit freundlichem aber beständigen Dranbleiben. Bestimmt drei mal ging das so. Sie lenkte ab, ich kam zurück zu meinem Thema, sie lenkte ab, ich kam wieder zurück zu meinem Thema. Schließlich hielt sie inne und sagte nachdenklich: "Ja, eigentlich haben Sie Recht" (etwas, was ich selten erlebt habe). Dann ergänzte Sie, dass der Vortragende bestimmt über Kindheitserfahrungen sprechen würde. Eine Woche später traf ich sie wieder. Kindheitserfahrungen waren bei dem Vortrag kein Thema gewesen...

Dienstag, 17. Januar 2017

Die tieferen Ursachen von Terrorismus und Krieg. Langsame, aber stetige Schritte in Richtung Öffentlichkeit

Etwas verspätet habe ich einen Redebeitrag von Dr. Maggie Schauer (Leiterin des Kompetenzzentrums Psychotraumatologie der Universität Konstanz) in der Sendung maybrit illner spezial „Anschlag in Berlin“ vom 20.12.2016 wahrgenommen. Der Redebeitrag in dieser Art ist - in einem großen Medium mit Millionen Zuschauern - nach meinem Wissen quasi einmalig (abgesehen von kleineren Interviews mit Arno Gruen) Sie sagte bzgl. Terrorismus und Krieg:
 „Ich glaube, wir müssten viel mehr Wert darauf legen, wie es den Menschen geht, die so etwas tun. Wie kommt denn jemand dazu, dass er überhaupt zu so einer Tat schreitet? Und da haben wir einige Untersuchungen gemacht, die uns vielleicht weiterhelfen, als jeder massive Betonblock. (…) Wir haben in verschiedenen Ländern geforscht, in Somalia, im Kongo, wirklich in Gebieten, wo Täter aktiv sind und Zivilisten treffen möchten. (…) Wir haben festgestellt, dass tatsächlich eine Menge Gewalt in der Kindheit dieser Menschen eine große Rolle spielt. Die erleben schreckliche Gewalt selber am eigenen Leib, in den eigenen Familien. Und diese Gewalt, die labilisiert mich mit Angst oder mit wieder mit Gewalt zu reagieren. (…) Mein Statement kann ich hier gleich zu Anfang machen: Wir müssen wirklich auch politisch umdenken. (…) Diese Menschen, die müssen von Anfang an Unterstützung bekommen, untersucht werden und auch Psychotherapie bekommen. Wir müssen unser Geld tatsächlich anders einsetzen.“ Ihr Statement (das sich übrigens auch direkt auf (junge) Geflüchtete bezieht, worauf sie später in der Sendung nochmal zurückkommt) endet ca. in Minute 10 der Sendung. Mensch achte auf den sehr verhaltenden Applaus im Publikum!

Bzgl. dieses Redebeitrages ist mir auch ein Kommentar unter dem Titel „Angst? Wut und Abscheu!“ (vom 22.12.2016) von dem Historiker Dr. Rainer Zitelmann aufgefallen. Er schrieb:
Was empfinde ich nach Terroranschlägen? Zuerst Trauer. Und Mitgefühl mit den Opfern und ihren Angehörigen. Aber auch eine Wut, die immer größer wird. Gestern in der Talkshow bei Maybrit Illner räsonierte eine Psychologin wortgewandt über die schlimmen und traumatisierenden Gewalterfahrungen, die diese Terroristen in ihrer Kindheit und ihren Heimatländern erlebt haben. Sie will alle psychotherapeutisch behandeln. Dafür müsse viel mehr Geld her. Arbeitsbeschaffung für sie und ihre Kollegen. Was kriminelle Fanatiker dazu bringt, auf eine Familie mit einer Axt einzuschlagen oder Menschen auf einem Weihnachtsmarkt mit einem LKW zu überfahren, will ich nicht verstehen.“ Nun, wer nicht verstehen will, wird auch keine nachhaltige Prävention auf die Beine stellen können! Wie auch immer...

Erstaunlich und neu ist nicht, dass solche Ansätze keinen Applaus bekommen, sondern eher Kritik ernten (oder nicht weiter besprochen werden, denn keiner in der Talkshowrunde griff die Ausführungen der Expertin auf!). Erstaunlich und neu ist für mich, dass es Forschende schaffen, solche Ansätze vor einem Millionenpublikum unterzubringen und dabei auch ergänzen, dass es ein Umdenken bzgl. Prävention geben muss. Das sind alles langsame Schritte hin zu einem offenen Bewusstsein bzgl. der tieferen Hintergründe von Krieg und Terror.

Erst kürzlich wurde in einem ZEIT Artikel auf die BKA Studie „Die Sicht der Anderen“ verwiesen. Der Autor schrieb: „Überhaupt ist es nicht eine bestimmte Religion, die Terroristen gebiert. Das Bundeskriminalamt (BKA) hat 2010 in einer Studie die Karrieren von Extremisten untersucht. Sie zeigt: Nicht der Glaube macht Menschen  zu Tätern, sondern ihre Erfahrungen in Kindheit und Jugend. Prekäre Lebenslagen, enormer Entwicklungsstress – das ist allen Extremisten gemein. Davon hatte Amri genug.“  Diese BKA Studie wurde zu meinem großen Erstaunen – ich hatte darüber berichtet – auch in einer Sendung von „Hart aber Fair“ relativ breit besprochen. Allerdings ohne auf eine Veränderung von Prävention hinzuweisen und auf verbreitete kindliche Gewalterfahrungen in  „gescheiterten Staaten“ Afrikas und im Nahen Osten. Dies sind alles wie gesagt kleine Schritte.

Irgendwann wird die Zeit reif dafür sein, dass die Menschen verstehen wollen. Meiner Ansicht nach spielt dabei die massive Abnahme von Gewalt gegen Kinder in Europa auf diesem Weg eine entscheidende Rolle (ergänzt durch flächendeckende Psychotherapie von als Kind schwer psychisch verletzten Menschen). Menschen, die sich nicht vor ihrer eigenen Kindheit gruseln und fürchten müssen, werden sich offen und ohne Scheu mit den Kindheiten von Terroristen, Kriegstreibern, wie auch sonstigen Gewalttätern befassen können oder zumindest die öffentliche Besprechung begrüßen.

(Ergänzend ein Hinweis auf einen Artikel, der sich auf die Forschung von Thomas Elbert bezieht, der wiederum viel mit der oben zitierten Frau Schauer zusammenarbeitet): "Gestresste Mütter, ängstliche Kinder". Darin heißt es gleich zu Beginn: "Trägt die hohe Gewaltbereitschaft in vielen Kulturen und Gesellschaften mit dazu bei, dass sie nicht vorankommen? Für den Traumaexperten Professor Thomas Elbert von der Universität Konstanz ist dieser Gedanke gar nicht so abwegig. Seine Feldstudien legen zusammen mit neuen molekularen Erkenntnissen und Tierexperimenten nahe, dass Gewalterfahrungen der Mutter während der Schwangerschaft sowie Stress und Missbrauch in der frühen Kindheit Gehirne entstehen lassen, die in einer modernen Wissensgesellschaft Probleme haben." Auch solche Sätze, zumal im Ärzteblatt veröffentlicht, habe ich in dieser Form bisher selten gelesen. Da tut sich was. Auf diesen Artikel werde ich bei Zeiten noch einmal zum Thema "Geflüchtete aus islamischen  und afrikanischen Ländern" zurückkommen.)


Mittwoch, 4. Januar 2017

Politisches Framing. Die Macht des Wortes oder die Macht der Familiensysteme?

Auf die Linguistin Elisabeth Wehling bin ich durch die Sendung „Markus Lanz“ am 03.11.2016 aufmerksam geworden. Wehling beschäftigt sich kurz gefasst damit, wie Wörter (vor allem starke bildhafte Sprache) in Politik, Medien und Wirtschaft auf die Menschen wirken und auch zu Handlungen in die eine oder andere Richtung führen (z.B. bei Wahlen).

In der o.g. Sendung von Markus Lanz sagte Wehling, dass Donald Trump in seinem Wahlkampf mit der Idee des „Ekels“ und der „Reinheit“ von Anfang an gearbeitet habe. Trump habe starke sprachliche Bilder benutzt: Amerika sei „vergiftet“, Amerika sei „blutleer“, die Wirtschaft sei „kurz vorm Sterben“, Mexikaner brächten „Krankheiten“ usw. Umgekehrt habe er sich als „Saubermann“ dargestellt: „Ich bin der saubere Held“. (Persönliche ergänzende Anmerkung: Trump hat bereits bei seiner Antrittsrede zur Kandidatur sprachliche Bilder aufgemacht wie "China killt uns", Sie "schlagen uns" usw. und das Zurückschlagen angedeutet, etwas was ganz direkt die Leute triggert, sie selbst als Kind durch Elternfiguren geschlagen worden sind...)
In der Diskussion ging es dann weiter um die Angst vor Bakterien. Wehling im O-Ton:
„Fakt ist, dass Menschen, die eher konservativ wählen, mehr Angst haben vor Krankheit, sich schneller ekeln vor Dingen, sehr besorgt sind, sich sauber zu halten, und wir wissen es eben nicht nur aus der Verhaltensforschung, sondern auch aus der Gehirnforschung. Das ist eine Reihe, die wir gemacht haben. Da haben wir uns eben die Gehirne vom erzkonservativen Amerikaner und erzproggressiven Amerikaner angeschaut. Wie reagieren die auf sprachliche Konzepte von Ekel? Also so etwas wie eine schmutzige Emailaffaire? Und tatsächlich ist es so: Das konservative Gehirn simuliert genau im gleichen Bereich in dem auch wirklicher physischer Ekel simuliert wird (…)  viel stärker Ekel und körperliche Abwehrreaktion als beim progressiven.“ Die Frage, warum das so ist, beantwortet sie in der Sendung nicht.

Mir persönlich fiel dabei sofort die Parallele zur Psychohistorie auf. Lloyd deMause analysiert seit Jahrzehnten bildhafte Sprache u.a. von politischen Führern und reale Bilder wie politische Cartoons und dabei ihre Wirkungskraft auf Nationen. Bei deMause steht ergänzend im Vordergrund, dass die Bilder und bildhafte Sprache etwas über (unbewusste) individuelle wie auch kollektive Emotionen/Fantasien (dabei vor allem auch bedingt durch destruktive Kindheitserfahrungen) bzw. emotionale Gruppenprozesse verraten.

Besonders interessant ist für mich jetzt der Hinweis von Frau Wehling auf die beiden unterschiedlichen Gehirnreaktionen bzgl. Ekel. Ich habe Frau Wehling gleich nach der Sendung angeschrieben und gefragt, ob es in ihrer Forschung Bemühungen gab, einmal zusätzlich die Kindheitshintergründe abzufragen. Ich mutmaßte, dass die Erzkonservativen sicherlich eine deutlich destruktivere Kindheit erlebt hätten, als die Progressiven. Ich ergänzte in meiner Email u.a.:
„Ein Beispiel: In einem Vortrag, der auf Ihrer Homepage zu sehen ist, nehmen Sie Bezug zu dem Säugling, der Wärme und Zuwendung verknüpft. Dadurch die späteren Sprachbilder von "warmherzigen Menschen" etc. Wenn nun aber der Säugling und das Kleinkind keine Wärme, sondern Kälte, Ablehnung, Demütigungen verbunden mit starken Gefühlen von Ekel, Scham, Ohnmacht, Überwältigen (oder "in sich eindringen" / über die Grenze gehen, was bildlich dann später wieder an Parasiten, Angst vor Viren etc. anknüpft) usw. erlebt hat, dann wird dieser Mensch später entsprechend anders auf bildliche Sprache reagieren, weil sein Gehirn auf sehr verdrehte und mit Angst behaftete Erfahrungen zurückgreift.“
Nun, ich habe bisher keine Antwort von ihr bekommen, macht aber nichts. Das Thema an sich ist hochspannend. Lloyd deMause hat immer wieder darauf hingewiesen, dass Kriege eine Art „Reinigungsritual“ darstellen. Wenn der innere Druck zu groß wird, wenn zu viele traumatische Erinnerungen ins Bewusstsein zu rücken drohen (oder auch durch gesellschaftliche Veränderungen getriggert werden), braucht es Opfer, um sich (und die Nation) zu „reinigen“.

Ich habe mehr oder weniger zufällig kürzlich ein Interview mit dem amerikanischen Sänger James Hetfield der Band „Metallica“ gelesen (SPIEGEL, 30.09.2013, "Ein böses Tonband in meinem Kopf"). Familie war für ihn kein sicherer Ort, wie er in dem Interview sagte. Er sei in einer sehr religiösen Familie aufgewachsen. Es gab dort „alle möglichen Bestrafungen, die ich hier nicht vertiefen will.“  Bei seinen Eltern konnte er kein Gehör finden, „ohne Angst zu haben, bestraft oder lächerlich gemacht zu werden.“ Er ist also quasi in einer amerikanischen, erzkonservativen, erzreligiösen Familie aufgewachsen. Über seine Selbstdefinition sagte er in dem Interview:
„Das Problem ist, ich habe eine Persönlichkeit, die mir unablässig erzählt, ich sei ein Stück Scheiße. Nur wenn ich auf der Bühne stehe, passiert das Gegenteil. Da werde ich vom Stück Scheiße zum King Scheiße.“
Das ist etwas, was ich so oder so ähnlich sehr oft bzgl. Menschen gelesen oder gehört habe, die in einer sehr destruktiven Familie aufgewachsen sind. „Ich bin ein Stück Scheiße, der letzte Dreck, nichts wert, ein Versager, ein Parasit, dumm, zu nichts zu gebrauchen, nicht liebenswert, Abschaum“. Ich  erinnere mich an einen Vortrag - aus meiner Studentenzeit - von Prof. Dr. med. Peter Riedesser in Hamburg, wo er mit in etwa solchen Worten das Selbstbild von als Kind schwer misshandelten Menschen beschrieb, die er in der Klinik betreute.  Es ist nur logisch, dass Menschen mit einem solchen Selbstbild u.U. wiederum besonders viel Angst vor „Dreck“ „Krankheiten“, „Viren“, „Abschaum“ und „Verunreinigung“ haben bzw. dass diese Bilder bei ihnen starke emotionale Reaktionen hervorrufen können und dass sie eher dazu neigen, solche Eigenschaften auf Andere zu projizieren und dann als ein Akt der "Reinigung/Säuberung" zu bekämpfen (oder ihr eigenes Leben so zu „gestalten“, dass Glück und Freude keinen Raum bekommen, sondern sich das dunkle Selbstbild erfüllt).

Elisabeth Wehling hat vor allem in den letzten Wochen und Monaten unzählige Interviews gegeben, die man im Netz nachlesen kann. In einem der Interviews in ZEIT Campus (Nr. 6/2016, 4. Oktober 2016, "Schlimmer als Hillary kann man es nicht machen") sagte sie:
 „Jeder Mensch hat einen bestimmten Wertekompass. Das liegt daran, wie wir aufwachsen. Als Kind erfahren wir zum ersten Mal, was es bedeutet, "regiert" zu werden. Deshalb werden auch in der politischen Sprache so häufig Metaphern der Familie verwendet: Vaterland, Schwesterpartei, Gründerväter. Wenn Sie mir sagen, wie für Sie die ideale Familie aussieht, kann ich Ihnen sagen, ob Sie eher konservativ oder eher progressiv sind.“
In einem anderen Interview (jetzt, 08.12.2016, "Wer nur mit Fakten argumentiert, erreicht die Leute nicht" ) sagte sie: „Aus der Ideologieforschung wissen wir: Letztlich denkt jeder Mensch, bewusst oder unbewusst, zu großem Maße über die Politik wie über das Familienleben. (…) Denn unsere erste und eindrücklichste Erfahrung mit sozialen Gruppen und Autoritäten ist die Familie. Sprachlich sieht man die Metapher etwa an Ausdrücken wie Mutti Merkel, Vater Staat, Muttersprache, Vaterland, Gründungsväter oder auch Staatshaushalt. In einer Familie geben die Eltern vor, was richtig und was falsch ist, erziehen die Kinder nach bestimmten Regeln. Dabei kennt die Forschung zwei zentrale Modelle: streng und fürsorglich.“

Diese Unterteilung in strenge und fürsorgliche Eltern und die Verbindung zu Politik und bildlicher Sprache ist auch zentrales Thema in dem Buch „Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und ihre heimliche Macht.“ (Lakoff & Wehling (2016), Carl-Auer Verlag, Heidelberg, 4. Auflage) Das Buch ist im Prinzip ein langes Interview bzw. ein gedanklicher Austausch zwischen Elisabeth Wehling und George Lakoff, wobei Frau Wehling die Fragen stellte. Ich fand das Buch faszinierend, zum Einen wegen des Inhaltes an sich,  zum Anderen, weil es enorm nah dran ist an psychohistorischen Annahmen und trotzdem sprachlich weit davon entfernt. Wie kann dies sein? Nun, in dem Buch nehmen die zwei Erziehungskonzepte „Strenger-Vater“ und „Fürsorgliche Eltern“ (wie Lakoff es definiert; übrigens finde ich das Bild "Strenger-Vater" falsch, denn wie wir wissen, misshandeln Mütter ihre Kinder oft noch häufiger, als Väter, aber das nur nebenbei...) sehr viel Raum ein, dabei vor allem mit Bezug zur Politik in den USA.  Trotz dieser deutlichen Verbindung von Politik und bildlicher Sprache zum Einen und erfahrener Erziehung zum Anderen bleibt das Thema Kindheit im Prinzip nur angerissen und an der Oberfläche. Das ist paradox.

Nun, gehen wir noch weiter ins Detail. Lakoff meint, dass bildliche Sprache in der politischen Debatte Realitäten in den Hörern schafft, ohne dass den Menschen dies bewusst wäre und diese Realitäten in den Köpfen führen dann ggf. auch zu Handlungen (z.B. bei politischen Wahlen). Zusätzlich zentral finde ich seine Feststellung, dass unsere Erfahrungen in der Welt die Beschaffenheit unseres Gehirns bestimmen. Hören wir Wörter und vor allem auch bildliche Sprache, dann greift unser Gehirn automatisch auf Grund der Vorerfahrungen im Leben auf einen Deutungsrahmen („Frame“) zurück.  Bzgl. dieser Vorerfahrungen nehmen die zwei oben erwähnten unterschiedliche Erziehungskonzepte immer wieder viel Raum ein in dem Buch. Er sagt z.B.:
„Ich erforschte die Mechanismen der Metapher Nation als Familie im Detail und fügte die gegensätzlichen politischen Positionen des konservativen und progressiven Lagers ein. Und zu meiner Überraschung ließen sich die politischen Programmpunkte tatsächlich auf die Moralvorstellungen zweier gegensätzlichen Familienmodelle zurückführen: das konservative Familienmodell mit einer Strenger-Vater-Moral und das progressive Familienmodell mit seiner Fürsorgliche-Eltern-Moral.“ (Lakoff & Wehling 2016, S. 39) Anders ausgedrückt: Ob jemand in den USA konservativ denkt, fühlt und handelt bzw. sich von bildlicher Sprache (Konservative Politiker würden laut Lakooff z.B. ständig über Familienwerte sprechen) angesprochen fühlt, hängt offensichtlich sehr stark mit dem als Kind erlebten Familienmodell zusammen.  Wobei Lakoff auch betont, dass dies idealtypische Modelle sind und viele Amerikaner auch Mischformen erleben.

Im konservativen Familienmodell ist z.B. Strafe eine moralische Aufgabe. Strafe wird als Liebe verstanden. Ein Vater wäre ein schlechter Vater, würde er das Kind nicht für Fehlverhalten bestrafen. (ebd., S. 41) Diese Sicht findet ihren Widerhall in politischen Prozessen in den USA und auch in der Vorstellung von der USA als gerechtem Vater, der ggf. Strafen in der Welt verteilen muss, um Fehlverhalten zu korrigieren und der natürlich Gehorsam verlangt. Dazu gleich mehr. Zunächst noch ein aussagekräftiges Zitat:
„Die Familie ist unsere primäre und tiefgreifendste Erfahrung damit, `regiert` zu werden. Und Familien können durch unterschiedliche Moralvorstellungen strukturiert sein. Wir können, wenn wir das Richtige tun, dafür belohnt werden, wenn wir das Falsche tun, dafür bestraft werden. Oder aber man führt einen Dialog mit uns darüber, was das Richtige ist und was das Falsche. Die entscheidende Frage lautet: Auf welche Art lernt ein Kind in seiner Familie, was moralisches Verhalten ist? Diese Frage determiniert letztlich unsere Auffassung davon, was moralische Politik ist, denn wir übertragen unser Verständnis von moralischer Autorität in der Familie unbewusst auf die Politik. (….) Die Metapher Nation ist Familie ist uns so geläufig, dass wir sie gar nicht weiter beachten. Es ist für uns ganz natürlich, soziale Gruppen – und somit auch die Nation, in der wir leben – gedanklich als Familie zu begreifen. In Deutschland sprechen sie von Vaterland. Man spricht von Mütterchen Russland und Mutter Indien. Nationen senden ihre Söhne in den Krieg. In den USA haben wir Gründungsväter. (…) Nun, weiter haben Regierungen Haushaltspläne. Der Punkt ist, wir denken über die Nation als Familie und übertragen dadurch Wissen und Erfahrungen aus unserer Familie auf die Nation.“ (ebd., S. 34+35)
Wir würde, so Lakoff, auch im internationalen Maßstab von Nationen als Personen denken (und weitergedacht als Familie im Weltmaßstab). „Wir denken über Nationen als Personen innerhalb einer Weltgemeinschaft, in der es Nachbarstaaten gibt, befreundete Staaten, feindliche Staaten, Schurkenstaaten und so weiter. Und in dieser Weltgemeinschaft gibt es Erwachenenstaaten und Kinderstaaten. Industrialisiert zu sein bedeutet, erwachsen zu sein. (…) Die Entwicklungsländer sind - metaphorisch - Kinder. (…) Und das Ergebnis dieser  Metapher ist, dass unterentwickelte Nationen in der Außenpolitik als Kinder behandelt werden. Die Erwachsenenstaaten leisten Entwicklungshilfe. (…) Und wenn die Länder der Dritten Welt sich widersetzen und nicht tun, was die Erwachsenen sagen, dann können sie physisch, also militärisch oder ökonomisch, diszipliniert werden.“ (ebd., S. 88+89) Frau Wehling merkt daraufhin an: „Letztlich wird hier die konservative Familienmetapher auf die internationale Politik angewandt: Der strenge Vater USA hat die Aufgabe, das artige Kind Indien zu belohnen und das ungezogene Kind Iran zu bestrafen.“ (ebd. S. 89)

Lakoff nimmt auf der anderen Seite auch Bezug zu einer Politik, die auf die „Fürsorgliche-Eltern-Moral“ gründet: „Wenn wir die Werte der Fürsorgliche-Eltern-Moral auf die Außenpolitik übertragen, dann dominiert zunächst einmal die Vorstellung, dass man Kinder – sprich die Entwicklungsländer -  mit Respekt behandelt. Und dass man ihnen eine progressive Form der Liebe entgegenbringt, im Gegensatz zu der konservativen tough love. Es ist die moralische Aufgabe, sich so gut wie möglich in die Situation und Bedürfnisse der Entwicklungsländer hineinzuversetzen und ihnen so gut es geht, zu helfen. Und an die Stelle des Systems von Belohnung und Bestrafung tritt die Idee der Fürsorge und Kooperation. (…) Als eine zentrale Idee gehört dazu, dass man den Entwicklungsländern zugesteht, Eigenverantwortlichkeit zu erlangen, und zwar so früh wie möglich, während man noch mit ihnen kooperiert und sie als Teil einer größeren Familie begreift.“ (ebd. S. 89+90)
Die europäischen Nationen würden, so Lakoff, zwar gegenüber den Entwicklungsländern eigene moralische Autoritäten darstellen, in Relation zu den USA wären sie aber eher so etwas wie „die ältesten Geschwisterkinder in der Familie.“ (ebd., S. 113)

Aufschlussreich finde ich eine Stelle im Buch, an der Lakoff auf das Verhalten von George W. Bush nach dem 11. September eingeht, der den Terroristen „eine Lektion“ (so wird Bush zitiert) erteilen wollte. „Weil er eine Strenge-Vater-Weltsicht vertritt. Er denkt im Sinne des konservativen Familienmodells, will bestrafen und `Lektionen verteilen`.“ (ebd., S. 119) In der Tat ist George W. Bush stark konservativ-autoritär, mit Strenge und körperlicher Gewalt, erzogen worden! Lakoff hat, ohne auf die Kindheit von Bush Bezug genommen zu haben, genau den Punkt getroffen. Das ist allerdings auch eine Grundkritik, die ich an dem Buch habe. Lakoff und Wehling sprechen die ganze Zeit über den Einfluss von Familienmodellen auf die Politik, sprechen aber mit keinem Wort über das Ausmaß von Gewalt gegen Kinder in den USA (oder bzgl. Einzelpersonen wie Bush) und sie erwähnen auch keine Daten bzgl. unterschiedlicher Erziehungsmodelle und deren Verbreitung in den USA. Entsprechend fehlen auch komplett Anregungen in die Richtung, dass man politische Systeme offensichtlich stark verändern kann, wenn sich die Mehrheits-Kindererziehungspraxis verändert (was die logische Schlussfolgerung aus ihren Erkenntnissen wäre).
Stattdessen tendiert das Buch eher dahingehend, dass es anregt, Sprache zu überdenken und zu hinterfragen, damit durch „falsche Sprache“, nicht „frames“ bei den Menschen aufgehen, die dann evtl. zu destruktiven Prozessen führen. Für mich stellt sich eher die Frage, ob als Kind geliebte Menschen oder im Wortsinn von Lakoff und Wehling ausgedrückt, ob Menschen die im Konzept „Fürsorgliche-Eltern-Moral“ aufgewachsen sind, nicht nur unempfänglich für bestimmte bildliche Reizwörter (Ekelwörter in Bezug auf Gruppen, „Vergewaltigung Kuwaits durch den Irak“, Terroristen als „Schädlinge“ usw.) sind, sondern auch von sich aus gar nicht dazu neigen, solche Wörter auch zu benutzen. Worte haben eine Wirkung, ja, aber Worte, gerade auch wenn sie stark bildlich daherkommen und erst Recht wenn sie Freund-Feind-Schemata oder Bestrafungen zum Ausdruck bringen, kommen auch aus dem Unterbewusstsein und zwar aus dem Teil, in dem unverarbeitete belastende Kindheitserfahrungen schlummern. Psychohistoriker wie Lloyd deMause haben in ihrer Arbeit immer beides analysiert: Die Wirkung von bildlichen Wörtern auf Gruppen, aber auch die Ursprünge von den Wörtern: Was sagen uns die Ausdrücke/Bilder über den emotionalen Zustand des Senders und über seine Kindheit (bezogen auf Individuen wie auch ganze Nationen)?

Was ich trotz aller Kritik immer wieder spannend finde ist, wenn Menschen anderer Denkrichtungen letztlich auf Grund ihrer Forschungen zu ganz ähnlichen Erkenntnissen kommen, wie die Psychohistorie, nur dass die Kindheitshintergründe nicht so offen ans Tageslicht gebracht werden. Insofern stützt die Forschung von Wehling und Lakoff psychohistorische Annahmen.